Das Geflecht von Glaube, Kunst und Kirche

Helmut A. Müller

Es ist die Frage nach der Henne und dem Ei – was war zuerst da? Ist die Kunst aus den Religionen hervorgegangen, um deren Geisteswelt zu illustrieren und so den Frommen mittels einer Bilderwelt das Glauben zu erleichtern. Oder bildhauerten und malten unsere frühen Vorfahren einfach drauf los und differenzierte sich diese kultische Bilderwelt später zu Religionen aus? Die sonnendeck-Redakteure Hansjörg Fröhlich und Michael Reuter wandten sich in ihrer Ahnungslosigkeit an einen der es wissen muss: Helmut A. Müller ist Pfarrer am Hospitalhof und Prediger in der Hospitalkirche in Stuttgart und kuratiert dort seit 1987 Kunstaustellungen im sakralen Gemäuer.

sonnendeck: Kunst war im Laufe der Geschichte immer eng mit dem Glauben und mit der Kirche verbunden. Die ursprünglichsten Kunstformen dienten häufig dazu, die Verbindung zwischen dem Menschen und der Gottheit zu bezeugen, zu besänftigen oder zu ehren. Welche Entwicklungslinien zeigen sich durch die Jahrhunderte im Verhältnis von Kunst und Religion?

Helmut A. Müller: Im Geflecht von Glaube, Kunst und Kirche gibt es mindestens drei starke Stränge. Der erste geht zurück auf das Judentum und lehnt das Kultbild ab. Diese Tradition findet sich stark ausgeprägt im Islam wieder, aber auch in der reformierten Seite der Reformation, also im Calvinismus und im Zwinglianismus.
Der zweite Strang ist die eher bilderfreundliche Tradition der Westkirche, die sich ab dem 4. Jahrhundert mit den Bildern zu versöhnen beginnt. Im 8. Jahrhundert ließ Karl der Große aus Anlass des Bilderstreits und als Antwort auf die Akten der Synode von Nicäa von fränkischen Theologen die Libri Carolini, die Karolinischen Bücher, erstellen. Die Verehrung vor Bildern wird hier zugelassen, aber nicht deren Anbetung. Die Anbetung gehört allein Gott. Aus diesen Ansichten entwickelte sich die mittelalterliche Kirchentradition, die Bilder schließlich zum Teil des Schatzes der Kirche erklärt und, entgegen den Aussagen der Karolinischen Bücher, in den Bildern auch so etwas wie Orte der Anbetung sah. Mit dem Erwerb einzelner Bilder konnte jedermann einen Teil des Schatzes der Kirche persönlich erwerben.

Martin Luther hielt dagegen, dass der einzige Schatz der Kirche Jesus Christus sei, und den könne die Menschheit umsonst haben. Luther hat damit die Vorstellung verbunden, man könne Bilder haben oder auch nicht, sie dürften jedenfalls nicht angebetet werden. Aus diesem Satz heraus entstand nun ein ganz anderer Umgang mit Bildern. Sie wurden nicht mehr zu Heilszwecken gebraucht. Die Bilder wurden frei. An diesem Punkt sieht der Kunsthistoriker Werner Hoffmann den Beginn der Moderne in der Kunst: die Kunst nach dem Kult.

SD: Sie sind nicht seiner Meinung?

HAM: Eine andere These besagt, dass die Moderne bereits mit der Renaissance begonnen hat. Es gibt eine Diskussion in der Mittelalterhistorie, die die Reformation in die Kontinuität der Modernisierung der Welt zu integrieren sucht und deshalb den Beginn der Moderne nicht mit dem Beginn der Reformation gleichsetzt.
Der dritte Stang im Verhältnis von Kunst und Religion wäre die orthodoxe Position. Sie ist letztlich mit der Vorstellung verbunden, dass es über die Inkarnation, also das Eingehen Gottes in die Welt, über Jesus als den geglaubten Sohn Gottes, möglich sei, sich ein Bild von Gott zu machen. Deshalb sind die Ikonen in der orthodoxen Tradition so etwas wie der offene Himmel Gottes auf Erden.

SD: Religion und Kunst sind also zwanghaft miteinander verbunden?

HAM: Auf die Länge der Geschichte sind Religion und Kunst tatsächlich verbunden, weil jede Religion und jede Form von Glauben eine zeichenhafte Vergegenwärtigung des „Anderen“ braucht. Eine sinnliche, greifbare Darstellungsform des Himmels, Gottes oder dem, was wir Transzendenz nennen. Es gibt also keine Religion ohne Kunst. Auf der anderen Seite gibt es, zumindest in der Moderne, Formen von Kunst, die behaupten, keine Religion zu brauchen.
Es gibt aber auch andere ursprungstheoretische Auffassungen. Der Kunsthistoriker Hans Belting meint, dass die Anfänge der Kunst nicht in der Religion, sondern im Totenkult zu finden sind, also im Nachdenken der Zurückgebliebenen über ihre Toten und über ihr eigenes Sterben. Andere Ansätze vertreten die These, der Ursprung der Kunst sei das Spiel.

SD: Wie ist die Verwendung sakraler Symbole und religiöser Themen in zeitgenössischen Kunstwerken, Kinofilmen und sonstigen Produkten der Entertainmentindustrie einzuordnen? Geht es noch um Provokation im Sinne des 20. Jahrhunderts oder kündigt sich hier eine Renaissance des Sakralen an?

HAM: Ich gehe davon aus, dass die gegenwärtigen Kulturindustrien an einem Prozess teilhaben, den man mit Säkularisierung im positiven Sinn beschreiben kann. Säkularisierung meint hier nicht die Auflösung von Kirchengütern im Zeitalter Napoleons, sondern ein Weltlichwerden von religiösen Fragestellungen als Folge der „Verbreiterung“ des Christentums: aus den Kirchenmauern heraus in die Welt hinein. Themen, die ursprünglich einen religiösen Kontext hatten, werden nun in neuen Formen verarbeitet, in Filmen, in Comics, auch im Wort oder in der bildenden Kunst.

SD: Aber gibt es nicht einen Unterschied in der Qualität der Provokation durch die Verwendung von religiösen Symbolen, z. B. im Wiener Aktionismus, gegenüber den eher harmlosen heutigen Aktionen? Taugt die Religion nicht mehr als Boxsack?

HAM: Es gibt immer beides. Der gekreuzigte Kippenberger-Frosch mit herausgestreckter Zunge und Bierkrug in der Hand hat erst im letzten Jahr in Bozen für Unruhe gesorgt. Auch Anfang des 20sten Jahrhunderts wollten die Dadaisten eine bürgerlich fromme Gesellschaft aufschrecken und zu Gegenaktionen bewegen, um etwas voranzubringen.
Auf der anderen Seite gestalten hoch gehandelte Künstler Glasfenster für Kirchen, so Gerhard Richter im Kölner Dom oder Sigmar Polke in Zürichs Grossmünster.
Es hat in den letzten zwanzig, dreißig Jahren ein paar Leute gegeben, die im Gespräch zwischen „säkular“ gewordener Kunst und Kirche oder Religion einen Neuanfang gewagt und riskiert haben. Es ist ein freiheitliches Verhältnis geworden, das eine Begegnung auf Augenhöhe mit sich bringt.

SD: Spielt bei der Auswahl ihrer Künstler für die Ausstellungen in der Hospitalkirche die Möglichkeit einer „sakralen“ Lesart der präsentierten Arbeiten eine Rolle?

HAM: Alle Künstler müssen wissen, dass sie hier in einem religiösen Kontext ausstellen. Es gab in den Anfängen einige, die sich daran gestört haben. Nicht so sehr am religiösen Kontext, aber sie fürchteten, im säkularen Kunstbetrieb aussortiert zu werden.
Ich mache seit fast 35 Jahren Ausstellungen im kirchlichen Kontext und habe immer zuerst auf die künstlerische Qualität geschaut. Hier im Hospitalhof liegt mein Schwerpunkt auf jungen, qualifizierten Künstlerinnen und Künstlern, die aus meiner Sicht ein Potenzial zeigen, das sich vergleichen lässt mit national und international durchgesetzten Positionen. Wir zeigen aber auch immer wieder bereits durchgesetzte Künstler wie Tobias Rehberger, Jonathan Messe oder André Butzer, weil es den jungen Künstlern hilft, sich im System zu positionieren. Wenn sich ein Künstler dann bereit erklärt, eine ortsbezogene Arbeit zu machen, ist es das Beste, was uns passieren kann.

Hansjörg Fröhlich

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