Editorial: Religion, Ausgabe 76, Dezember 2009

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Liebe Leserinnen, liebe Leser, geneigte Meditationsgruppe,

nur selten hat es während einer Heftproduktion in der Textredaktion derart auseinandergehende Meinungen und ausufernde Ratlosigkeiten zum Titelthema gegeben, wie zur vorliegenden Ausgabe Nr. 76 (ab sofort wird durchgezählt). Alle Versuche zu klären was sakrale Kunst, ja, was das Sakrale heutzutage eigentlich sein soll, führten nur zu noch größeren Fragen, etwa nach der Beschaffenheit der Post-Postmoderne oder den religionsstiftenden Qualitäten von Michael Jacksons Propofol-Überdosis. Aus der wohlmeinend mitdiskutierenden Leserschaft kamen Arzneimitteltelegramme, denen wir entnahmen, dass Propofol ein Arzneistoff aus der Gruppe der Hypnotika sei, der aufgrund seiner kurzen Plasmahalbwertszeit und trotz geringer therapeutischer Breite als gut steuerbar gilt, also sozusagen das neuzeitliche Soma darstelle, jener im Rig Veda erwähnte Rauschtrank der Götter. Das Rig Veda wiederum, so hörten wir von anderer berufener Leserseite, sei die älteste von insgesamt vier dem Hinduismus zugrundeliegender Textsammlungen und würde in der religionswissenschaftlichen Literatur jedoch oft fälschlicherweise mit der Rigvedasamhita gleichgesetzt, einer ungleich kleineren Unter-Abteilung der … .

Kurz, das Ausufernde wurde uferlos, der Textchef sah sich genötigt wieder zur Tagesordnung überzugehen und die Diskussion in einem Akt seltener Roughness zu beenden, indem er folgende, gewagte Grundthese in den Raum stellte: In der Post-Postmoderne ist entweder alles sakral oder eben nichts sakral. Denn sakral ist, was einem Ritual entspringt, das einer spirituellen und/oder metaphysischen Weltvorstellung und einer darin verankerten kultischen Praxis folgt. Sakral kann etwas nur im Bezug zu einem (religiösen oder kultischen) Kontext sein, doch einen statischen Kontext haben wir halt nicht mehr zu bieten. Dem Sakralen ist ganz einfach sein Bezugsrahmen abhanden gekommen. Nachdem Quelle und Karstadt zugemacht haben, Insolvenzverwalter Tag für Tag weitere Konsumtempel und Shoppingkathedralen, jenen modernen Orten des Sakralen, qua Masseunzulänglichkeit sozusagen entweihen, hat sich das Sakrale aus der Mitte unserer Städte, ja, aus der Mitte unserer Gesellschaft, unserer Herzen zurückgezogen. Konnte der amerikanische Autor William S. Kowinski 1985 noch feststellen „es wäre heutzutage möglich geboren zu werden, zur Schule zu gehen, einen Job zu finden, zu heiraten, Kinder zu bekommen, sich scheiden zu lassen, Kultur und Amüsement zu genießen, krank zu werden, medizinische Behandlung zu erfahren, trotzdem zu sterben und auch noch ein Begräbnis zu bekommen, ohne jemals eines dieser riesigen Shopping-Center zu verlassen“, müssen wir heute den Verlust solcher zentraler Orte eines Glaubensbekenntnisses zum Warenkult konstatieren. Der Bann des glitzernden Tauschwerts ist gebrochen, folglich sind Kult und Ritus nicht mehr profitabel, also hat sich das Heilige mangels Masse verflüchtigt.

Doch jetzt ganz ruhig bleiben, liebe Leserschaft, denn das Heilige hat sich genau dorthin verdünnisiert, wo wir es haben wollen, ins sonnendeck nämlich. Lesen Sie den epischen Fahndungsbericht der Kunsthistorikerin Charlotte Lindenberg – die wir im Kreise der sonnendeck-Autoren auf das Herzlichste begrüßen – in welchem sie das Sakrale zwischen dionysischem Kult und Messekoje jagt und schließlich bei dem Versuch stellt, Platten des Minimalisten Carl Andre zu betreten. Erleben Sie, wie Ausstellungskurator und Pfarrer Helmut A. Müller im Interview das Geflecht von Glaube, Kunst und Kirche entwirrt. Begleiten Sie Michael Reuter in die Eiszeit, schlucken Sie die fünf Thesen von Mister Fröhlich und kommen Sie zu dem Schluss, dass man das Sakrale nicht den Laien überlassen sollte.
Heilige Grüße vom sonnendeck

Hansjörg Fröhlich

Hansjörg Fröhlich

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