Kniet nieder und lasset ab
Wir leben in einer Gesellschaft von freien Sklaven, temporäre Unterdrückung ist der Motor der Konsumindustrie. 30 Prozent der Deutschen wollen die Mauer zurück, nur diesmal andersherum, damit die schönen Graffiti von Osten aus bestaunt werden können. Soweit wird es nicht kommen, der Wiederaufbau der deutsch-deutschen Grenze, so haben Experten des Satire-Magazins kürzlich berechnet, würde den Etat des Bundesministers für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Dr. Peter Ramsauer, um ein Vielfaches sprengen. Doch die Mauer in unseren Köpfen kann uns niemand nehmen.
Herr Niemand ist Forscher auf dem Gebiet interdisziplinäre Soziologie, Religionswissenschaft und Vergangenheitsbewältigung an der Helmut-Kohl-Universität Ludwigshafen und sagt: „Zweifellos ist uns mit den Ereignissen am 9.11.89 ein großer Fetisch verloren gegangen. Ost-West, die Mauer, Einreisepapiere, Tränenpalast, das waren starke Orientierungspunkte, die unserem Denken Halt und unseren Seelen ein Shangri-La boten.“ Mit der Einheit kam die metaphysische Leere, unsere Seelen wurden in eine Post-Wende-Wüste geschickt. Liebgewonnene Tauschrituale, wie der Zwangsumtausch, karitative Erbauung mittels Ost-Päckchen, westlicher Wir-sind-so-frei-Jubel, beim Dissidenten-Austausch auf der Glienicker Brücke oder menschlich erhebende Campingplatzgespräche im deutsch-deutschen Touristen-Treff am ungarischen Plattensee, vermittelten polyvalent zwischen dem Bedürfnis einer Annäherung und dem Ausdruck kultureller Hegemonialvorstellungen und waren nach den 2+4-Gesprächen plötzlich weg. Die Zweistaatlichkeit war die Kirche der Deutschen, wen sollten sie nach 1990 noch verteufeln, wen unter Tränen verabschieden? Dazu nochmals Herr Niemand: „Glücklicherweise konnten die Kulturgüterindustrie und die Mythenproduktion der politisch-lobbyistischen Klasse in die nach 1990 entstandene Bresche springen. Neue Objekte der Vergötterung entstanden. Die Einheit wurde ernstgenommen und besiegte die Vielheit. Sakrale Bedürfnisse ließen sich kanalisieren und kristallisieren heute an 10 bis 12 Produkten, Phänomenen und kultisch verehrten Personen.“ Diese unterliegen freilich einem modischen Wandel, doch für den Dezember 2009 lässt sich folgende Auswahl treffen.
1.
Armut: Wenn große Teile der Bevölkerung in die Zahlungsunfähigkeit abrutschen, muss die mediale Darstellung dieses Sachverhalts und der gesellschaftliche Standpunkt gegenüber Armut von journalistischer Drastik und sozialpolitischer Kritik befreit werden. Armut ist der neue Reichtum! Hohlwangig-großäugige Models, Krisenkleidung aus Duschvorhängen und gehypte Eineurorezepte leiteten den Paradigmenwechsel ein. Armut ist jetzt glamourös, Arme sind die neuen Helden, materielle wie soziale Entwurzelung der neue Lifestyle. Postkapitalistische Wanderarbeiter sind die verwegenen Pioniere eines neuen Zeitalters der totalen Freiheit. Die Glorifizierung der Mittellosigkeit beginnt sakrale Züge anzunehmen.
2.
Drei Kilo Rembrandt: Die Vergötterung und massenmediale Verbreitung überholter ästhetischer Positionen sind Teil einer Rehistorisierung des Lebensraums. Die Wiederbelebung alter Mythen und Vermischung dieser mit neuen Legenden dient der Sabotage des Gedächtnisses. Diese beruht im Wesentlichen auf nicht (mehr) verifizierbaren kollektiven Erinnerungen. Aus einem Cocktail aus Erzählungen von Bekannten, Darstellungen im Film und in anderen Medien, Überlieferungen und/oder kollektiven Erlebnissen, an die man sich verklärend erinnert, wird ein geklittertes Geschichtsbild, das die wissenschaftlich-konkrete Wahrnehmung der Welt nach und nach verdrängt. Hollywoodeske Verfilmungen epochaler Ereignisse und von Biografien historischer Persönlichkeiten (Tom Cruise als Staufenberg, Der Untergang, etc.) führen zu einer Überschreibung der Festplatten des kollektiven Gedächtnisses. In der Mythologie erscheint Zeus der eingeschlossenen Danae als Goldregen. Rembrandt zeigte nur den Abglanz, nach dem die Prinzessin greift. Das Bild wurde 1985 in weiser Voraussicht von einem Attentäter zerstört und seither leider aufwändig restauriert.
3.
Die Goldsworthysierung der Welt: Zunehmende Tendenz zur Kunst als Futter für die Druckerpresse und die Wahrnehmung der Natur aus zweiter Hand. Der Engländer Andy Goldsworthy gilt als bekanntester Vertreter der Natur-Kunst und ist keineswegs Gold wert. Seine Werke sind außerhalb von Kunstbüchern fast nicht sichtbar, er etabliert seit 30 Jahren in seinen Arbeiten ein dekoratives Verständnis von Natur und gilt als Held bei den Anhängern einer windelweichen Mutter-Erde-Ökologie. Sein quasi-sakrales Naturmaterialien-Spiel mit Vergänglich- und Ewigkeit führt zu einem falschen Verständnis von Zen, befördert die Rezeption von Kunst als sentimentale Direkt-ins-Herz-Aktion und etabliert eine peinliche Eventhaftigkeit (Nordpol 24.4.89) in der Kunstwelt.
4.
Steif statt frei: Schon im antiken Babylon wurde ein gelungener Geschlechtsakt genauso geschätzt wie ein gutes Essen. Mehr aber auch nicht. Die Ikonografie des Fucks im Internet, die Stilisierung des zum Zwecke der Befriedigung optimierten Körpers, das Bedürfnis über jedes noch so feierabendliche Zwischen-den-Laken-Ereignis Mitteilung zu machen, hebt den Akt vom Boden der Lust auf den Sockel der Anbetung, schafft also ein unilaterales Ideal, das nur Frustration auslösen kann. Der Blickpunkt des sexuell aktiven Menschen verschiebt sich vom Akteur zum Voyeur seiner selbst. In einem Feld der großen Kompetition treten die Voyeure virtuell gegeneinander an. Der Bereich des Sexuellen wird omnipotent, jegliches Ereignis wird nur noch auf seine Möglichkeiten zur Erregung untersucht. Juristische, demokratische, ästhetische, soziologische Kategorien der Betrachtung geraten ins Hintertreffen. Der lustvoll-profane Akt wird zum sakralen Akt und gleicht darin lustigerweise den Praktiken der hinduistischen Tantriker, denen die Begattung als Gottesdienst, als Anrufung des Einen gilt. Hier wie dort spielt die Persönlichkeit der Geschlechtspartner und ihr Verhältnis zueinander kaum eine Rolle mehr, sie werden mitsamt ihrem Akt zum reinen Instrument.
5.
Die neuen Rituale: Sicherheitskontrollen und Überfälle auf Apotheken und Ladengeschäfte sind die neuen Rituale der Transzendenz. Sie markieren die Orte wo Landesgrenzen überschritten und die Kontrolle über den Waren- und Wirkstoffkreislauf endet, also dort wo die neuralgischen Punkte einer territorial-kapitalistischen Hegemonie liegen. Sowohl die Ladentheke, wo der markwirtschaftliche Return on Investment stattfindet, als auch der Zollbereich an den Landesgrenzen, wo zwischen legalen und illegalen Menschen selektiert wird, sind durch die Globalisierung von Waren und Arbeitskraft zu Frontverläufen und Schlachtfeldern geworden. Die dort herrschenden Zustände verlieren zunehmend an gesellschaftlicher Akzeptanz. Um den Status quo von Kontrolle und Gewinn noch eine Weile aufrecht zu erhalten, lancieren Politiker und Lobbyisten Angstfantasien, sprechen von drohender Überfremdung, bedienen sich der Wachstumslüge und besingen zum x-ten Mal den Mythos des Made-in-Germany. Sicherheitskontrollen an Flughäfen, Museen, Bankgebäuden und Boutiquen sind Rituale, die einerseits der Verinnerlichung und Überhöhung der Ideologie dienen. Andererseits stellen sie eine Art Abwehrzauber dar, der die Sicherheit, wenn schon nicht der Bürger, so wenigstens der Gewinne garantieren soll. Überfälle auf Apotheken und Ladengeschäfte, sowie das Abfackeln von zufällig ausgewählten Automobilen, sind Initiationsriten der Gegenseite. Der niederländische Videokünstler Aernout Mik hat in seinen Arbeiten Touch, Rise and Fall und Osmosis and Excess den neuen Ritualen ein grandioses Denkmal gesetzt.
Hansjörg Fröhlich
