Editorial: Phrasen in der Kunst, Ausgabe 78, Februar 2010
Liebe Leserinnen, liebe Leser, geneigte Phrasendrescher,
die endgeile Post-Punk-Combo The Fall veröffentlichte 1983 ein Album namens Perverted by Language und brachte damit schon in jenem ach so verwehten Spitzenjahrgangs-Weißweinsommer alles auf den “Funkt”: Wir sind durch Sprache zerrüttet, gemartert von bis zum Exzess wiederholten Floskeln, verblödet von Evokativen und letztlich in einem Meer von hohlen Phrasen ersoffen. Der smarten, zielführenden Kommunikation abhold, verflüchtigt sich der eigentlich angenehme Effekt einer Rede, Informationen zu übermitteln und Umstände abzubilden, in einen Orkus von Nonsens. Diese hinter hochtrabenden Formulierungen versteckten Gemeinplätze, Slogans oder Nichtigkeiten treten vermehrt dann auf, wenn es um die Beschreibung und Evaluierung von in ihrem Sinn und Wert nicht näher bestimmbaren Gütern, wie Zeichnungen von Cy Twombly und It-Bags geht.
Hören wir uns einfach mal ein paar Dauerläufer der Kunstberaterbranche an: ‚Mein Haus, mein Fonds, mein Neo Rauch‘. ‚Die Großskulptur vor dem Eingangstor der Werkshalle, das Riesenformat in der Lobby, die Zeichnung über dem Schreibtisch beflügelt die Angestellten, befördert ihre Kreativität und veredelt den Arbeitsplatz‘. ‚Ein G. Richter hat immer therapeutische Wirkung, selbst wenn er in der Lobby der Düsseldorfer Victoria-Versicherung hängt‘. Weitere Standardfloskeln behaupten den erotischen Nimbus der Moderne, die unerschöpfliche Innovationskraft der Kunst, das notorische Querdenken und den inflationären unverstellten Blick. Wenn der Markt schwach ist, wird gerne auf die emotionale Rendite des Kunstkäufers verwiesen. Die maßgeschneiderten Lösungen von Art Consultants schöpfen aus der (natürlich) immer aufs Neue spannenden Auseinandersetzung zwischen Kunst und Unternehmen. Dabei entstehen (unbedingt) key-visuals, die die interne und externe Kommunikation des Kunden emotional aufladen und ihn von seinen Wettbewerbern differenziert.
Kuratoren, Katalogtextschreiber und Redner auf Vernissagen versteigen sich eher in syntaktische Hohlräume oder geben sich semantischen Stürmen hin: Das besprochene Werk verweist ständig auf etwas, etwas anderes scheint auf oder verweigert sich einer Lesart. Eine Oberflächlichkeit ist immer scheinbar (was auch sonst?!), alles oder nichts wird einer Beantwortung zugeführt und das ironisch-kritische Potential liegt entweder in der Funktionalität oder eben in der Materialität. Die Kontemplation der Formenwanderung löst dabei zweifellos irgendeine Kategorie ab, eventuell die der Inkommensurabilität des Erhabenen im Resonanzraum. Freilich ist das gequirlte Scheiße, genauso gut könnte man eine Installation von Ai Weiwei mit dem Satz, „Die Rehabilitierung von chinesischen Kindersoldaten schreitet voran“, kommentieren. Den Künstlern ist in der Regel egal, welche Wörtersoße über ihre Werke geschüttet wird, es sind die Verwerter der Kunst, die süchtig nach Phrasen sind.
Bei der Verdauung unzähliger Phrasen in dieser 78-sten Ausgabe des sonnendecks waren uns wieder einige Gastautoren behilflich. Der Berliner Künstler Raymond Unger schreibt über die Kunst, künstlich zu reden, der Nürnberger Künstler André Debus unterhält sich mit dem Buchautor und Professor für Kunstgeschichte Christian Demand über die Kritik an der Kritik, Klaus H. Grabowski führt einen Feldversuch über die Gesprächsthemen bei Vernissagen durch und Kunsthistorikerin Charlotte Lindenberg untersucht in ihrem Artikel die gestalterische, die non-verbale Phrase. Für diesen Monat schließen wir mit einer verbalen Phrase:
Wer über die Banalität des Daseins besorgt ist, liest den Mannheimer Morgen, wer über das Leben lachen kann, liest das sonnendeck.
Phrasierte Grüsse vom sonnendeck
