Editorial: Vorschau 2010. Ausgabe 77, Januar 2010

PDF-Download der Ausgabe 77, Januar 2010Sehr geehrte Leserinnen, sehr geehrte Leser, geneigtes Wachstumsbeschleunigungsgesetz,

die Nullerjahre sind endlich vorbei – wahrlich ein Grund zum Feiern. Das vermaledeite Jahrzehnt begann mit 9/11, endete mit der Finanzkrise und schleppte auf dieser Strecke eine Menge nerviges bis amüsantes Treibgut mit sich. Die meistgestellte Fragefloskel „Alles gut?“ wurde mit dem inflationären „Nicht wirklich“ beantwortet. Das passte wunderbar zur Entwicklung des Virtuellen in den letzten zehn Jahren. Büros schrumpften auf Café-Tisch mit Blackberry-Größe, Partikel in Nanogröße brachten uns das erste schweißgeruchsfreie T-Shirt und Revolten, wie zuletzt im Iran, fanden im Twitter-Nachrichtenportal statt. Beim Public Viewing wurde das Stadion auf den Marktplatz geholt, der Buchladen, die Bank, der Flohmarkt, das Standesamt und die Krankenkasse, wurden in den Arbeitsspeicher unserer Notebooks verlegt, wir simsten und googelten, chatteten und bloggten, podcasteten und skypten uns die Welt zusammen, bis sie klein und handlich auf eine, sagen wir, 500 Gigabyte-Platte passt. Die Plattformen des Lebens bekamen klangvolle Namen wie Facebook, MySpace, Flickr, YouTube, wo jeder seine 500 Giga Lebensessenz ausbreiten darf, upload or vanish – wer nicht hochlädt, löst sich in Luft auf oder ist eigentlich schon tot. Alles wurde virtuell und end-mobil, die Nullerjahre waren unser Jahrzehnt to go.

Freilich fanden wir in diesen zehn Jahren auch unsere Mitte, durch die Verneinung der textilen Centerzone begann die bedingungslose Nabelschau. Der Bauchfrei-Look fokussierte den Blick auf das neue Zentrum der Welt und ihrer administrativen Bewältigung und Verdauung. Nach dem Ende der Ideologien und Konventionen im späten 20. Jahrhundert, wurde in den Nullerjahren Politik wacker aus dem Bauch heraus gemacht. Dass die Bauchfreizone bei Rückenansicht oft noch den oberen Teil des Arschgeweihs offenlegte, war beabsichtigt. Mit der Betonung von Nabel und Steißbein, jenen Körperteilen, die auf unsere Herkunft als Leibesfrucht und unsere Abstammung von den Affen verweisen, schufen wir in den Nullerjahren einen Gegenpol zur rasanten Virtualisierung des Lebens, der uns mit beiden Beinen in der Genealogie verankert.

Benzinpreisschock, Mehrwertsteuererhöhung, Paris Hilton, der Clochard von Bagdad, Wer wird Millionär, Billigflieger, G.W.Bush, Seqway-Roller, Nichtraucherlokal, Cocooning, Diversifizierung der Lebenswelten, Gentrifizierung von Stadtteilen, Taser und andere nichttödliche Waffen, der Anti-Terror-Waschbeutel – Gründe für Sorgenfalten gab es in den letzten zehn Jahren genug, doch die Medizin-Industrie hat uns nicht alleine gelassen: Botox, die Gesichtslähmung für 350 Euro, hat den schmerzhaften und überteuerten Facelift verdrängt und allen Gegnern einer gesichtslahmen Gesellschaft ein Feindbild mit knackigem Namen gegeben.

Anyway, die Nuller sind durch, wir wenden uns den Zehnerjahren zu, der Zukunft. Das sonnendeck-Team hat ausgiebig recherchiert und wagt die Prognose. Lesen Sie das Heft aufmerksam durch, es könnte für Sie von existentieller Bedeutung sein: Vor zwei Jahren, in der sonnendeck-Ausgabe Januar 2008, Seite 4, sagten wir die Finanzkrise voraus.

Zukunftssichere Grüße von sonnendeck

Hansjörg Fröhlich

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