“Antikörper” im Vitra Design Museum noch bis 28. Februar

Die Ausstellung Antikörper im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zeigt Serienmöbel, Prototypen und Designexperimente der Brüder Fernando und Humberto Campana. Sie arbeiten seit 1989 als künstlerische Autodidakten zusammen und experimentieren nahe den Elendsquartieren der wuchernden Millonenstadt São Paulo in Brasilien sehr erfolgreich mit einer Art Recycling-Design. Ihre Stuhlikone Favela besteht nur aus Holzresten, die zu einem thronartigen Sessel verbunden sind. In Europa kostet das gute Stück über 2000 Euro und ist das einzige Serienmöbel der beiden Designer, das in Brasilien hergestellt wird.
In den elenden Siedlungen der Favelas gibt es zunächst mal gar nichts bis recht wenig von allem. Die Bewohner verdienen, wenn sie überhaupt einen Job bekommen, sechzig Cents die Stunde und die Zeitungen berichten ständig über Drogenhandel und Polizeieinsätze. Stefan Zweig hat 1941 für den südamerikanischen Staat den Begriff vom Land der Zukunft geprägt, mittlerweile heißt es oft zynisch: Brasilien ist das Land der Zukunft – und wird es immer sein.
Im Werk und in den Personen der Campanas lässt sich exemplarisch die Globalisierung der Welt, des Designs und der Kunst ablesen, inklusive aller Vorzüge und Perversitäten. Aus einem Haufen Plüschtiere wird ein Sessel, Lederreste werden zu Halsketten und aufgeschnittende PVC-Flaschen zu futuristischen Leuchtobjekten. Aus Backsteinen werden Beistelltische, aus Stahldraht entstehen futuristische Sofas und der Armsessel Vermelha besteht aus 450 Meter rotem Seil, das in tagelanger Handarbeit kunstvoll um ein Gestell geschlungen wird.
Den Campanas gelingt ein müheloses Wechselspiel zwischen den Rudimenten ihrer kulturellen Identität und den genormten Anforderungen des internationalen Marktes. Design präsentiert sich hier als Gleitcreme eines weltweiten Identitätsverlustes. Die Campanas verkaufen ihre Werke als kulturellen Grenzgang. Aber ist es in Wirklichkeit nicht nur der durchgestylte Ausverkauf brasilianischer Wurzeln im Gewand westeuropäischer Kunstgeschichte?
Es geht nicht mehr um Dinge, die man benutzen kann, sondern um „das Zusammenwachsen von Kunst und Design“, erläutert der Stellvertretende Direktor des Vitra Design Museums, Mateo Kries, im Katalog. Ziel ist also nicht mehr Form und Funktion, die sich an ein wohlhabendes Bürgertum wenden, das sich über den Besitz von Möbel- und Designklassikern einer paradoxen, radikal uniformen Scheinindividualität unterwirft – es geht jetzt um richtige Kunst, als Distinktionskrücke für die richtig Reichen.
„Total Glocal“, findet Massino Morozzi die Arbeiten der beiden Brasilianer, eine Eigenheit, „die ich derzeit nirgendwo sonst finde: ihre Fähigkeit, absolut lokal und zugleich absolut global zu sein.“ Peinlich berührt ist der Katalogleser von den Schilderungen des Managers, der für die kleine italienische Möbelfirma edra munter über die Kontinente hüpft und zwischen dem dekadenten Abendessen bei einer Kunstsammlerin in New York, einer Gasexplosion neben dem Atelier der Brüder in São Paulo und unergiebigen Projektbesprechungen in Paris seine ganz eigene Definition der unglaublichen Zustände in den Elendsvierteln findet: „Gewiss, hier mag schlimmer Verfall herrschen, zugleich ist es aber ein sehr kreativer Ort.“ Sprach‘s und eilte zum Flughafen, um mit den Campanas eine Reihe von Sesseln für ein Pariser Auktionshaus zu realisieren. Aus dem Atelier direkt in die Versteigerung. „Sie heißen Furworks“, schreibt Morozzi, „und sehen wie Schafe aus, die von einem völlig unfähigen Scherer verunstaltet wurden. Die Auktion hat im November 2008 stattgefunden. Hurra!“ Manchmal ist die Globalisierung zum Kotzen schön.
Noch bis zum 28.02.10: Antikörper, Vitra Design Museum, Weil am Rhein
Michael Reuter
