Edward Burn-Jones in der Staatsgalerie Stuttgart

Edward Burne-Jones  Der Schlaf des König Artus in Avalon, 1881-1898  Öl auf Leinwand  279,4 x 650,24 cm  Museo de Arte de Ponce, The Luis A. Ferré Foundation, Inc., Ponce, Puerto Rico

Die lange Regentschaft der englischen Königin Viktoria von 1837 bis 1901 gilt gemeinhin und sprichwörtlich als verklemmte Epoche. Da nützt auch die erfolgreiche Industrialisierung oder die florierende Wirtschaft des Landes gar nichts – Prüderie und Frauenfeindlichkeit prägen unser Bild der viktorianischen Zeit. Und wo zu Zeiten Königin Elisabeth I in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts noch von „England’s Golden Age“ geschwärmt wurde, dominierten nun Fabrikschlote und die ungesunden Lebensbedingungen des Industrieproletariats. Kein Wunder, dass die Malerfreunde der „Präraffaelitischen Bruderschaft“ ab 1848 zur Wiederentdeckung der Natur aufriefen. Eingebettet in mythische Traumwelten wurden Heldensagen erzählt, die Kraft der klassischen Mythologie beschworen und ein idealisiertes Frauenbild besungen.

Einige dieser eskapistischen Visionen sind zurzeit in der Staatsgalerie zu sehen. Der Maler Edward Burne-Jones (1833-1898) ist zwar nur über seinen Freund und Lehrer Dante Gabriel Rossetti mit den Präraffaeliten verbunden, doch auch Burne-Jones wollte seinen Mitmenschen über die Macht der Bilder den Zauber einer besseren Welt zeigen. Die Staatsgalerie Stuttgart widmet dem englischen Maler nun die erste monografische Ausstellung in Deutschland, in der Hoffnung, dass auch viele Fantasy-Fans und Harry-Potter-Leser den Weg in die sehenswerte Sonderausstellung finden.

Kein Edward Burne-Jones ohne die Erwähnung seines engen Freundes William Morris, Dichter und Begründer der englischen Arts and Craft-Bewegung. Äußerlich ein Team wie Stan Laurel und Oliver Hardy hegten beide Künstler den Wunsch, ihrer trostlosen Zeit etwas Spiritualität abzutrotzen. 1861 gründete Morris eine Firma für Dekoration und Innenarchitektur, die sehr erfolgreich Möbel, Tapeten, Glasfenster, Bildteppiche und Wanddekorationen an die Globalisierungsgewinner von damals lieferte. Nebenbei schrieb er unermüdlich an seinem dichterischen Epos The Earthly Paradise(KURSIV), das in vier Bänden eine sprachgewaltige Neuerzählung alter Mythen, Legenden und Sagen bieten sollte.

Reizvoller als die melancholischen Helden und ätherischen Frauengestalten in Burne-Jones‘ Gemälden und Zeichnungen sind die amourösen Geschichten, die sich im Umfeld der viktorianischen Künstlerschaft abspielten, denn die Verklärung weiblicher Tugenden ist das eine, den Verlockungen halb nackter Mädels im Atelier zu widerstehen, etwas ganz anderes.
Obwohl Burne-Jones, optisch eine Mischung aus Rasputin und Nosferatu, stets finster dreinblickte und bereits seit 1860 mit Georgiana MacDonald verheiratet war, vermochte die schöne Griechin Maria Zambaco seinen gut verborgenen Reizen nicht zu widerstehen. Maria entstammte einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie und residierte mit ihren Freundinnen oft in London. Der Umstand, dass die Familie zeitgenössische Kunst sammelte, brachte Maria und Edward 1866 zusammen. Erst vier Jahre später trennte sich der Maler schweren Herzens von seiner Muse und schaute fürderhin noch einen Tick grimmiger.

Der Maler und Dichter Dante Gabriel Rossetti vergnügte sich derweil mit William Morris‘ Frau, obwohl er mit dem Lieblingsmodell der Präraffaeliten, Elizabeth Eleanor Siddal, verheiratet war. Als William und Jane Morris 1869 einen Kuraufenthalt im deutschen Bad Ems absolvierten, schickte der frustrierte Liebhaber einen bösen Cartoon hinterher. The M‘s at Ems zeigt Jane mit missmutigem Gesicht in der Badewanne, während ihr Gatte daneben hockt und endlose Gedichte rezitiert. William Morris machte gute Miene zum bösen Spiel. Wurde die Qual der Dreiecksbeziehung zu groß, unternahm er Expeditionen nach Island und tröstete sich mit der (wohl rein platonischen) Freundschaft zu Georgiana Burne-Jones.

Elizabeth Eleanor Siddal war willensstark, aber kränklich. Im Winter 1851/52 verbrachte sie vollbekleidet Stunden in einer immer kälter werdenden Badewanne. Der Maler John Everett Millais war so in den Arbeiten zu seinem berühmten Bild der ertrinkenden Ophelia versunken, dass er nicht mehr auf die Öllampen achtete, die das Wasser warmhalten sollten. Ergebnis war eine schwere Lungenentzündung. 1861, ein Jahr nach der Heirat mit Rossetti erlitt Siddal nach der Totgeburt ihrer Tochter einen Nervenzusammenbruch und nahm sich 1862 mit einer Überdosis Laudanum das Leben. Rossettis Trauer war so groß, dass er einen unvollendeten Gedichtband in ihr Grab legte, in der Annahme, nie wieder dichten zu können. 1869 hatte seine Trauer aber soweit nachgelassen, dass er den Leichnam exhumieren ließ, um an das Buch zu kommen. Sein Agent kolportierte anschließend das Gerücht, Elizabeths Leiche sei nicht verwest gewesen und ihr rotes Haar habe den ganzen Sarg ausgefüllt. Richtig glücklich wurde Rossetti aber nicht mehr. Er nahm Drogen, erlitt 1872 einen Nervenzusammenbruch, versuchte sich umzubringen und zog sich schließlich aus dem öffentlichen Leben zurück. Jane Morris, erschüttert über das Ausmaß seiner Drogen- und Alkoholsucht, beendete 1876 schließlich die Beziehung.
Was vermag die Kunst gegen das wirkliche Leben?

Noch bis zum 07.02.10: Edward Burne-Jones – Das irdische Paradies, Staatsgalerie Stuttgart

Michael Reuter

Michael Reuter

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