Volle Backen helfen gegen stumpfe Klingen

Was ist los in Stuttgart und der Restrepublik? Eine Demo jagt die andere. Transparente und Fahnen werden hochgehalten, deren Massages widersprüchlicher nicht sein könnten und die Klischees aus der längst geschlossen geglaubten 68er-Akte reanimieren. Ist dieser Schilderwald nun die Renaissance einer antiquierten Politik der Straße oder schlicht ein situationistischer Akt zur Herstellung einer mit postadoleszenter Wehmut choreographierten Wirklichkeit?
Freilich, man hätte sich bei der Artparade gegen die Kürzungen im Kulturetat der Stadt Stuttgart schon mehr engagieren können, wenn der Umstand nicht so nerven würde, dass da jetzt plötzlich die Kulturszene einen auf Kuscheltunnel macht, sich aber sonst gegenseitig das Gelbe im Ei nicht gönnt.
Private Galeristen neiden geförderten Institutionen für gewöhnlich jeden Pfennig, jetzt veranstalteten sie zusammen eine Demo und weitere Aktionen. Traurig auch, dass diese Leidenschaft füreinander, sich ausgerechnet beim Thema Geld entzündet. Über die Jahre hat man keine kontinuierliche Zusammenarbeit auf künstlerischer Ebene hingebracht. Darüber hinaus ist eine Kulturförderung nach dem Gießkannenprinzip eh fragwürdig. Einige der auf der Streichliste stehenden Einrichtungen könnten wohl ohne großen Verlust für das Kulturleben Stuttgarts eingehen. Doch das ist Geschmackssache.
Viel grundsätzlicher gilt es folgendes zu bedenken: Politisches Bewusstsein erst dann zu entwickeln, wenn‘s ums eigene Säckel geht, ist peinlich. Von den Wortführern des Stuttgarter Appells hat sich kein einziger bei den Veranstaltungen gegen S21 oder für einen Gedächtnisort Hotel Silber hervorgetan. Die momentan in der Republik herrschende Demoschwemme – Studenten, Künstler, geprellte Fonds-Anleger und Milchbauern bilden die bizarre Quadriga der Empörung in den Gassen – täuscht über den Fakt hinweg, dass in der Post-Demokratie eine Politik der Straße nicht mehr wirkungsvoll sein kann, da die Kategorie Straße, als Sammlungsbewegung von leidtragenden Unterdrückten, nicht mehr existiert. Also seit die Vektoren der Unterdrückung von der Bühne der Gesellschaft weg ins Individuum verlegt wurden und auf neuen Bühnen namens Selbstausbeutung, Selbstzensur und vorauseilender Selbstlimitierung spielen.
Dynamiklinien autoritärer Konflikte, die früher auch zwischen Staat und Volk, Chef und Arbeitnehmer verliefen, verlaufen heute gemäß der Vorstellung eines internalisierten Konflikts innerhalb des Individuums zwischen Großhirnrinde und Kleinhirn, zwischen Über-Ich und Ich. Das ist traurig, aber dagegen kann man nicht protestieren, höchstens therapieren. Rein ästhetisch betrachtet kann man der aktuellen Demokultur, mit ihrem Eventcharakter und dem Zwang zur kreativen Selbstdarstellung (bunter Protest) auch nichts abgewinnen. Der Geist der Wiederholung, der gerade in den Studentendemos herrscht, erinnert zu sehr an eine Zeitgeschichte-Doku des ZDFs. Sprüche von 1968, Pornobrille zu Dutschke-Pullover und Cordhose, Sit-in im Audimax, etc.: Jetzt spielen die Töchter und Söhne nach, was sie am wilden Leben und der Jugendzeit von Papa und Mama cool und berauschend finden.
Diese Protest-Jugend krankt an dem Umstand, dass in punkto Aufstand und Revoluzzertum von der Elterngeneration schon alles gesagt wurde – Pflasterstrand 2.0 ist halt langweilig. Die neuen Demos haben keine neue Form gefunden, es wird ein alter Demo-Geist beschworen, eine 68er-, Ostermarsch-, Anti-AKW-, Sponti-Romantik. Wer wirklich was erreichen will, sollte nach wie vor in den Hungerstreik treten oder den Gang der gesichtslosen Verwaltung durch fortgesetzte Bombendrohungen im Gemeinderat stören, sprich muss etwas riskieren. Im Falle von Kulturetatkürzungen sind Protestaktionen natürlich eh etwas fragwürdig, eine, zumindest ihrer Höhe nach, freiwillige Gabe, kann man halt nicht einfordern oder erzwingen. In Fällen von Protest gegen irrsinnige Bauvorhaben kommt jedoch Hilfe aus der Tierwelt: Gleich hinter Ihrem Schrebergarten planen beamtete Schurken ein neues Industriegebiet? Die Flughafenerweiterung soll Ihr sonntägliches Naherholungsgebiet plattwalzen? Oder S21 soll Ihren liebgewonnenen denkmalwürdigen Bahnhof in eine Konsumzone verwandeln? Halten Sie sich nicht mit Unterschriftenaktionen oder anderen bürokratischen Protestformen auf, riskieren Sie nicht Ihre gute Gesundheit auf Protestmärschen durch zugige Gassen – mieten Sie sich einfach ein paar Feldhamster!
Das Tier mit den gut entwickelten Backentaschen ist in weiten Teilen Deutschlands vom Aussterben bedroht und fällt unter den besonderen Schutz der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie. Damit der Scharrgräber aus der Familie der Wühler nicht völlig verschwindet, darf sein Lebensraum nicht ohne Weiteres zerstört werden – umfangreiche Auflagen muss beachten, wer auf Hamsterland bauen will, wenn er überhaupt eine Genehmigung erhält. Wer gegen unliebsame Bauprojekte protestieren will, setzt einfach auf dem fraglichen Grundstück ein paar Feldhamster aus, und die Sache ist geritzt. Wem es an possierlichen Nagern mangelt, wendet sich an den Feldhamsterverleih. Der Feldhamsterverleih (FHV) wirbt mit eigenen Zuchtanlagen, in denen er nicht nur Feldhamster, sondern auch Rotbauchunken, Ringelnattern und Fetthennen-Bläulinge vermehrt. Allesamt geschützte Tierarten. Der FHV-Shop lässt blockadewilligen Bürgern die freie Wahl, welches Tier sie in den baubedrohten Gebieten aussetzen wollen. Für 292,50 Euro wird ein Hamsterwochenpaket angeboten. Außerdem nimmt der Verleih den Protestierenden die leidige Pressearbeit ab und schreibt wütende Leserbriefe an die Lokalzeitung, in denen auf die schützenswerten Tiere hingewiesen wird. Auch die Fütterung ist im Preis enthalten.
Info: http://feldhamsterverleih.de
Hansjörg Fröhlich
