Von Knausbira, Käskippern und Blaustrümpflern
Ende 2012 soll das neue Stadtmuseum im Wilhelmspalais eröffnet werden. Ob der Termin zu halten ist, muss sich zeigen, aber es wird bereits fleißig nach Bildern, Themen und Exponaten recherchiert und geforscht. Der folgende Text basiert auf einem Gespräch von sonnendeck-Redakteur Michael Reuter mit der Kunsthistorikerin Barbara Hornberger, die im Auftrag des Planungsstabes Stadtmuseum zurzeit oft im Lesesaal der Landesbibliothek anzutreffen ist, auf der Suche nach Geschichten aus der Stuttgarter Vergangenheit.
Ich arbeite seit vielen Jahren als selbstständige Kunsthistorikerin, vor allem im kulturgeschichtlichen Bereich. Als der Planungsstab für das Stadtmuseum gegründet wurde, habe ich Interesse bekundet, bei den Recherchen mitzuwirken. Die Leiterin, Dr. Anja Dauschek, hat mich auf die Geschichte der einzelnen Stadtteile angesetzt.
Es gab schon früher eine kleine Ausstellung zur Stadtgeschichte im Wilhelmspalais und seit 1994 die stadtgeschichtliche Sammlung im Tagblattturm, die vom Stadtarchiv eingerichtet wurde. Durch den Umbau des Areals zu einem Theater-Zentrum wurde die Sammlung Ende 2000 geschlossen. Seitdem forderten viele Bürger und Interessengruppen ein zeitgemäßes, leistungsfähiges Stadtmuseum.
In jedem Stadtteil gibt es Leute, die sich intensiv mit ihrem Viertel beschäftigen, Heimatbücher verfassen oder kleine Museen leiten. Meine Aufgabe wird es auch sein, dieses Expertenwissen von einem neutralen Standpunkt aus für die Ausstellung im Wilhelmspalais zu bündeln.
Alle Stadtteile, bis auf die, die jetzt zu Stuttgart-Mitte gehören, waren eigenständige Dörfer und wurden erst im 20. Jahrhundert eingemeindet. Die Stadt Feuerbach z. B. wurde 1933 zwangseingemeindet, obwohl die Bewohner nicht sonderlich begeistert waren. Auch mit der selbstbewussten Stadt Cannstatt dauerten die Verhandlungen lange, bis es 1905 zur Vereinigung kam. Die Stadt Stuttgart war vor allem an einer Ausdehnung Richtung Neckar interessiert, denn im Stuttgarter Westen, wo sich viele aufstrebende Firmen angesiedelt hatten, wurde es schnell zu eng. Am Neckar gab es viel Platz und die Wasserkraft. Zudem gab es seit 1845 die Eisenbahnlinie zwischen Cannstatt und Untertürkheim, die später bis nach Esslingen weitergeführt wurde. Auf der anderen Seite bemühten sich viele ärmere Dörfer bereits zwischen 1900 und 1920, eingemeindet zu werden. Sie profitierten von neuen Wasserleitungen und der Elektroversorgung.
Im Moment beschäftige ich mich mit Rohracker, früher ein ganz kleines Weinbauerndorf und auch heute noch etwas abgelegen. Der bewirtschaftetet Besitz zog sich vom Tiefenbachtal bis zum Frauenkopf, absolute Steillagen, die schwer zu bearbeiten waren.
Der Frauenkopf entwickelte sich in den 1920er Jahren zu einem Nobelort mit Landhäusern, aber die armen Leute in Rohracker, die von ihrer Landwirtschaft nicht leben konnten, mussten nach Hedelfingen oder bis nach Esslingen gehen, um Arbeit zu finden. Die Bevölkerung war deshalb politisch stark linksorientiert. Vor 1933 konnte die NSDAP hier nur mit Schutzpersonal Veranstaltungen abhalten und eine Laientruppe aus Rohracker führte das Theaterstück „Cyankali“ von Friedrich Wolf auf, das sich mit damals illegalen und oft tödlichen Abtreibungen beschäftigt.
Spannend sind auch die Spitznamen für die Bürger der einzelnen Stadtteile. Die Rotenberger heißen „Käskipper“, die Hedelfinger „Knausbira“. Dazu gibt es mehr oder weniger haltbare Legenden. So wurde angeblich 1518 der flüchtige württembergische Herzog Ulrich von Württemberg von den Heslachern verraten. Nach seiner Rückkehr mussten sie zur Strafe sonntags zum Kirchgang blaue Strümpfe tragen – daher ihr Spitzname „Blaustrümpfler“. Die Bürger in Rohracker heißen „Welschkorneber“, weil sie früher für den eigenen Gebrauch Mais angebauten.
Möhringen gehörte seit dem Mittelalter zum Besitz des Katharinenspitals in Esslingen. Dort gab es um 1660 einen fanatischen Hexenjäger, Daniel Hauff, der besonders gerne in Möhringen wütete. Es geht die Sage, dass er plötzlich starb, als er anfing, auch Esslinger Bürger der Hexerei zu beschuldigen. Vermutlich wurde er vergiftet. Die Möhringer haben seither den Spitznamen „Hexen“.
Ich denke, trotz der momentanen finanziellen Situation wird das neue Stadtmuseum im Wilhelmspalais auf jeden Fall kommen. Vielleicht etwas später als geplant. Die beiden Siegerentwürfe des Architekturwettbewerbs werden gerade überarbeitet, die Forschungen laufen auf Hochtouren und das Museum hat mit etwa 5000 Exponaten noch einen recht kleinen Sammlungsbestand. Das Württembergische Landesmuseum besitzt zwei Millionen Exponate. Aber es geht voran und ich bin gespannt, was ich in den Bibliotheken und Archiven noch über Stuttgart und seine Bürger herausfinden werde.
