Wenn der Sheriff Mittagsschlaf hält…
… darf der Deputy sein Pferd reiten: Einige unvermeidliche Anmerkungen zum just angebrochenen Jahr 2010plus. Eine sonnendeck-Service-Initiative von Hansjörg Fröhlich
Wer in die Zukunft blickt, sei es mit Hilfe von Statistiken oder Glaskugeln, der sieht Facetten eines Morgen, auf der Basis des Heute. Jede Prognose ist daher zu einem großen Teil eine Bestandsaufnahme des Jetzt. Die Zukunft ist einfach eine Weiterentwicklung der Gegenwart und hat daher immer schon begonnen. Die Wurzeln der Zukunft liegen in der Vergangenheit. Wer diese Tatsachen akzeptiert, kann wild drauflos spekulieren und wird mit Sicherheit ein paar Treffer landen. Hier folgen einige möglicherweise in 2010plus eintretende Umstände, Personalien und Phänomene. In einem Jahr wird dann abgerechnet.
März: Nach dem Herztod von FIFA-Präsident Joseph S. Blatter übernimmt Robert Hoyzer die Geschäfte an der Spitze des Weltfußballverbands.
Bundeskanzlerin Merkel wird von Katholiken bedrängt. Der „Arbeitskreis engagierter Katholiken“ erträgt die evangelische Dominanz in der CDU nicht mehr und ruft zum Widerstand auf. Widerstand gegen die unkatholischen Umtriebe in der Partei. In einem Thesenpapier wird die lockere Haltung der CDU-Protestanten zur Abtreibung, Spekulationsgewinnen, Pornografie, und der Rolle der Frau kritisiert. Merkels erneute Papst-Schelte sei eine „ungeheure Insinuation“. Gefordert werden eine Rückkehr zu den Kernthemen der Union und eine Konzentration der Politik auf „bleibende Werte“. Die Bundeskanzlerin betreibe Reformation statt Reformen. Tatsächlich sind 75% der seit 1998 ausgetretenen CDU-Mitglieder Katholiken. Merkel führt eine paritätische Vergabe der Listenplätze bei Wahlen ein und etabliert das Rotationsprinzip bei hohen Partei- und Regierungsämtern. In ungeraden Jahren regieren Protestanten, in geraden Katholiken.
April: Ein uneheliches Kind des französischen Präsidenten Sarkozy übernimmt das Amt des Generalsekretärs der Vereinten Nationen. Michel Paternal ist 15, hat einen Volksschulabschluss und machte bis zur Amtsübernahme ein Praktikum bei der Einzelhandelskette Carrefour.
Dubai ist durch. Die einzige Grenze sei die der Vorstellungskraft, hieß es noch vor Jahresfrist in einer PR-Kampagne des Emirats Dubai. Das Land ist zahlungsunfähig, die Erdölreserven reichen noch bis 2018 und die Gastarbeiter ziehen weiter. Die noblen Dependancen ausländischer Galerien, Einzelhandelsfirmen und staatlicher Museen werden, so sie schon eröffnet haben, rückgebaut. Der Kulturkolonialismus hat in Dubai ein Ende und zieht ebenfalls weiter. Nächstes Ziel wird das Sultanat Brunei sein, es hat alles was die flottierende Anlegerklientel braucht – eine außer Kraft gesetzte Verfassung, einen unauffälligen Diktator (Sultan Hassan al-Bolkiah) und die Scharia als einziges Rechtssystem. Alkohol ist zwar im ganzen Land verboten, doch es gibt einen lebendigen Schwarzmarkt, außerdem ist es Ausländern erlaubt bis zu 12 Dosen Bier nach Brunei einzuführen.
Mai: Die Wirtschaftskrise ist beendet. Durch die Aufwertung des chinesischen Yuan verteuern sich aus europäischer Sicht Importe aus China und werden Exporte nach China günstiger. Gleiches gilt für die USA. Handelsungleichgewichte in der Weltwirtschaft sind damit beseitigt. Es flutscht wieder.
Weltweite Ernährungskrise ist beendet, die Schuhkrise auch. Der Milchvermarkter Danone bringt einen Superjoghurt auf den Markt. Zwei Portionen pro Woche reichen um unterernährte Kinder mit den nötigen Nährstoffen zu versorgen, Erwachsene brauchen drei. Dank dem Verzicht auf Marketing und einer simplen Verpackung ist das Milchprodukt spottbillig und kann somit selbst von den Ärmsten erstanden werden. Zeitgleich bringt Adidas einen Turnschuh zum Preis von unter einem Euro heraus. Fernsehzuschauer genießen die drolligen Bilder von Jogurt essenden Kindern in Turnschuhen auf Danone-TV.
Klimakrise ist beendet: Unmengen von sauberem Strom sind verfügbar, seit der britische Photovoltaik-Forscher Brain Sun die Oberflächen sämtlicher Meere als Reflektionsfläche nutzt und den elektrischen Strom durchs Salzwasser ans Land leitet. Eine ein Zehntel Millimeter dicke aufs Wasser aufgetragene Schicht von lichtempfindlichen Molekülen reicht aus, um Strom für immer zu produzieren.
Juni: Den Preis für atemberaubende Langsamkeit am Arbeitsplatz erhält dieses Jahr Siegfried Fenchel, seines Zeichens Servicekraft an der Käsetheke des Feinkosthauses Böhm in Stuttgart. Der Preis ist mit einer Leibrente von monatlich 2000 Euro und einer Klinikpackung Amphetamin dotiert.
In den deutschen Printmedien verbreitet sich der Gebrauch des Wortes Boozer, er ersetzt den seither gebräuchlichen Begriff Pegeltrinker.
Juli: Die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika endet überraschend mit dem Sieg des irischen Nationalteams. Die Mannschaft wurde erst kurz vor Beginn des Turniers vom im März 2010 neugewählten FIFA-Präsidenten Robert Hoyzer als 33. Team nachnominiert. Das deutsche Nationalteam scheidet schon im Achtelfinale gegen Kamerun aus. In Deutschland macht sich eine allumfassende Traurigkeit breit. Die Fähigkeit, in der Niederlage keinen Schmerz zu empfinden, ist in der Bevölkerung weniger verbreitet als zunächst angenommen. Viele Bürger entwickeln eine Sehnsucht nach seelischer Anästhesie. Ein wenig Genugtuung verschafft die Ausbürgerung Joachim Löws in die Schweiz. Diese drastische Maßnahme wurde als nötig erachtet, da Löw während einem ARD-Liveinterview mit Günter Theodor Netzer, einen nihilistischen Anfall bekam. Im Laufe dieser Ich-Krise beschimpfte der ehemalige Nationalcoach die Fans der Nationalmannschaft, die Sponsoren, die Kanzlerin und Phillip Lahm als Teufelsbrut und Oberblender.
August: Seit dem Ersten des Monats haben alle Rentenempfänger ein Recht auf die kostenlose Einpflanzung eines Hirnschrittmachers. Der Eingriff ist freiwillig. Die Maßnahme wird von der Bevölkerung als eine Art Entschädigung für die Nullrunde bei den Renten verstanden. Wie schon bei der kostenlosen Schweinegrippeimpfung im Vorjahr, ist die Nachfrage jedoch zunächst nur mäßig.
September: Simone Eclair (17), ein weiteres uneheliches Kind von Nicolas Sarkozy, übernimmt den Posten des NASA-Koordinators der „Mission Mars 2015“. Das Wunderkind spricht vier Sprachen und spielt Geige. Da der Französin eine der Aufgabe angemessene Hochschulausbildung fehlt, wird das Weltraum-Projekt in „Missing Mars 2015“ umbenannt.
Oktober: Nach den verheerenden Kampfhandlungen und den großen Verlusten in Afghanistan im ersten Halbjahr 2010, wird der deutschen Bevölkerung allmählich bewusst, eine Gesellschaft im Krieg zu sein. Größere Städte richten Zentren zur Trauma-Behandlung ein, Kriegsromane von Soldaten überschwemmen die Buchhandlungen. Die Kriegswitwe Anna Bechter aus Diepholz wird durch eine Dokumentation des ZDFs bundesweit bekannt. Die 26-Jährige ist darin beim Anbringen eines gelben Bandes an einem Baum in ihrem Garten zu sehen. Dieses Band soll dem Soldatengatten Glück bringen und Schutz gewähren. In weiteren Verlauf des Films fällt ihr Mann bei Kunduz, Frau Bechter kollabiert zunächst, verarbeitet dann allerdings ihr Trauma indem sie sich gegen die deutsche Beteiligung am Afghanistankrieg engagiert. Die Dokumentation wird von Teilen der kritischen Bevölkerung wegen ihrer sehr emotionalen Erzählweise als Schmachtfetzen bezeichnet, der die Kriegshandlungen am Hindukusch glorifiziere. Das gelbe Band am Baum wird trotzdem ein massenhaft auftretendes Symbol des Kriegsalltags, ähnlich den im Irakkrieg verbreiteten Pace-Fähnchen. Das Problem der Beziehungsmüdigkeit von Frauen von in Afghanistan eingesetzten Soldaten, nimmt in Talkshows und Printmedien großen Raum ein. Peter Maffay nimmt das Zitat eines Soldaten auf, der bei Kerner berichtet, wie er nach seiner Rückkehr vom Kriegsschauplatz feststellen muss, dass seine Frau einen anderen hat. Der Song „Komm ich von Kunduz her, sitzt ein anderer Mann in meinem Haus“ belegt wochenlang Platz eins der Radiocharts.
November: Überraschend wird bekannt, dass Horst Seehofer 23 Jahre irrtümlich als Wachkomapatient behandelt wurde. Die CSU versucht den Skandal kleinzureden und gibt folgenden Slogan aus: „Seehofer, Ramsauer, die Republik – sind wir nicht alle Wachkomapatienten“. Seehofer gibt sich im Pressegespräch mit der Süddeutschen Zeitung philosophisch: „Das Einzige was man im Leben verpassen kann, ist das Leben.“
Dezember: Der Schwager von Nicolas Sarkozy wird überraschend zum Nationaltrainer der brasilianischen Fußballmannschaft benannt.
