Braucht die Vernissage die Phrase?

Kennen Sie den Satz: „Dem Künstler ist es wie kaum einem anderen gelungen, der Zerrissenheit des Menschen in unserer modernen Welt Ausdruck zu verleihen.“ Oder den: „Verwurzelt in der Tradition der schönen Künste, aber radikal konzeptuell in ihrer Wirkung werden seine Werke durch die Wahrnehmung des Betrachters zum Leben erweckt.“ Oder den: „Die zugleich unaufdringlich verhaltene wie angreifend aufrührende Anmutung seiner Kunst lässt eine intensive Auseinandersetzung mit den großen Werken der Spätrenaissance wie auch der klassischen Salonmalerei und – in scheinbarem Gegensatz dazu – des Expressionismus bis zum frühen Picasso erkennen, wobei diese Anklänge weit über die Qualität bloßer Zitate hinausgehen und eine ganz eigene Handschrift zum Vorschein bringen.“
Wenn Sie den ersten und den dritten Satz kennen, waren Sie in den letzten drei bis fünf Jahren auf einigen Vernissagen, die ich auch besucht habe; wenn Sie den zweiten kennen, haben Sie die Begründung für die Verleihung des letztjährigen Turner-Preises an Richard Wright gelesen.
Aber was soll man schon bei Ausstellungseröffnungen oder Preisverleihungen über die gezeigte Kunst sagen? Die ewige Schleife des Jargons hat Christian Demand ja hinreichend beschrieben. Und dazu nehmen ‚der künstlerische Mentor’, der ‚Freund des Künstlers’ oder ‚die freie Kuratorin’ (meist eine arbeitslose Kunsthistorikerin) auch gerne Zuflucht. Und wenn es darum geht, über Kunst zu reden, die selber im Wesentlichen aus Phrasen besteht (Damien Hirst, Jeff Koons et al.), mag das ja auch angemessen sein. Oder sie versuchen, für ein bestenfalls mäßiges Honorar in sieben bis zwölf Minuten ihre kunstgeschichtliche Kompetenz möglichst eindrücklich zu beweisen.
Und wenn man anschließend die Künstler fragt, ob sie sich und ihr Werk in der Laudatio wiedererkannt haben, erntet man im besten Fall ein verlegenes „Interessant, so habe ich das bisher noch nicht gesehen!“.
Mein Feldversuch, mit den Grüppchen, die sich vor und nach einer solchen Rede bilden, ins Gespräch zu kommen, brachte ein auf den ersten Blick überraschendes Ergebnis. Große Zustimmung fand ich, wenn ich meinte, dass das mal eine interessante Rede gewesen sei. Ebenso groß war allerdings die Zustimmung, wenn ich einen Satz als besonders anregend zitierte, der in der Rede weder so noch so ähnlich gefallen war. Auf den zweiten Blick ist das aber gar nicht mehr so verblüffend, denn die Themen dieser Gruppe vor und nach der Rede sind bei vielen Vernissagen nicht die Kunst oder die Künstler. Bei den wahren Themen gibt es eine interessante Entwicklung: Ging es früher vor allem um die Frage, wer der beste Scheidungsanwalt in und um Stuttgart sei, so wandelte sich das zu der Klärung, welcher Immobilienmakler zu empfehlen sei. Und es ist noch nicht lange her, da wurden Erfahrungen mit Schönheitschirurgen ausgetauscht.
Dass die Dinge so sind, wie sie sind, mag man akzeptieren, beklagen oder verurteilen. Aber wie kann man die Kunst, die Kunstwerke und die Künstler wieder zum Thema machen? Ich habe einen Vorschlag. Man schicke den Redner vorher zu dem Künstler, setze ihn in dessen Atelier in eine Ecke mit der Auflage, einen Tag lang nur zu beobachten, was dort passiert. Am nächsten Tag möge er dem Künstler sagen, was er gesehen hat, und das mit dem Künstler diskutieren. Bei Kontroversen möge man dieses Verfahren iterieren, bis die beiden einen Grundkonsens gefunden haben. Und darüber kann der Redner dann bei der Vernissage berichten.
Ich höre schon den Einwand: Aber darauf lässt sich doch kein Künstler ein! Oh doch: Es gibt sie, die inzwischen gar nicht mehr so jungen Künstlerinnen und Künstler, denen von ihren Professoren (wie von Paul Uwe Dreyer) immer wieder nahe gelegt wurde, über ihre Kunst zu kommunizieren und sich nicht auf die arrogante Verlegenheitsfloskel zurückzuziehen, dass im Werk ja alles drin sei und dass das Werk für sich spreche. Und wenn der Redner als Beobachter offen für neue Eindrücke ist, wird dieses Modell gut funktionieren. So könnte ein neuer Blick auf den künstlerischen Prozess gewonnen werden, der zum Verständnis von Kunst anderes beiträgt als einige Semester Kunstgeschichte.
Ein Einwand bleibt: Welche Galerie will denn einen Redner angemessen bezahlen, der drei Tage auf die zehn Minuten der Rede hin arbeitet? Eine freiberufliche Kunsthistorikerin kann es sich kaum leisten, so lange für 150 Euro zu arbeiten.
Aber vielleicht nützt es einer Galerie sowieso mehr, wenn man sich bei ihren Vernissagen über Scheidungsanwälte, Immobilienmakler oder Schönheitschirurgen unterhalten kann.
Klaus H. Grabowski
