Die Kunst, künstlich zu reden


Je nach Anlass und Szene wird ganz unterschiedlich über Kunst geredet. Auf Vernissagen, Messen und bei seiner Jurytätigkeit in der Berliner Kunstszene konnte unser Gastautor Raymond Unger drei verschiedene Varianten ausmachen, die immer strikt getrennt bleiben.

Die Slogan-Variante. Bevorzugt von Händlern, Sammlern und Künstlern

Diese Variante ist gekennzeichnet von Nominalisierungen und groben Verallgemeinerungen. Schlagworte und vage Hinweise, die sich in wenigen Minuten erlernen lassen, reichen aus, um sich sicher auf Messen und Vernissagen zu bewegen, also an Orten, wo es um das Verkaufen von Kunst geht. Auf meinen ersten Vernissagen rechnete ich noch mit intensiven Gesprächen über mein Werk, doch schnell begriff ich, dass diese gerne vermieden werden. Es gibt einen unausgesprochenen Konsens: Niemand will zu konkret werden. Der Interessent nicht, der Händler nicht und der Künstler auch nicht. Zumindest in Erstgesprächen ist ein entsprechender Nominalstil zu empfehlen. Denn sowohl eine emotionale wie auch eine intellektuelle Konkretisierung könnte rasch nach hinten losgehen und damit die Geschäftsabschlüsse stören.

Die Buergel-Variante.1 Bevorzugt von Kuratoren, Kritikern, Kunsthistorikern

Auch hier wimmelt es von Verallgemeinerungen, aber zusätzlich wird eine intellektuelle Blendgranate nach der anderen gezündet. Diese Variante versteckt sich hinter hermetischen Termini und historischen oder zeitgenössischen Bezugnahmen, die von Außenstehenden mühsam decodiert werden müssen – nur um festzustellen, dass es sich gewöhnlich um Banalitäten handelt. Kuratoren, Kunsthistoriker und Veranstalter erheben das Sprechen über Kunst sowie die Auswahl, Präsentation und den Umgang mit Künstlern zur einer eigenen Kunstform. Seit langem wird diskutiert, ob es sich bei diesem Personenkreis um verhinderte Künstler handelt, die ihrem eigenen kreativen Prozess ausweichen und stattdessen über Bande spielen. Ihr Kardinalfehler liegt im Irrglauben, vom Produkt auf den Prozess schließen zu können, denn prinzipiell sind Versuche, ein Kunstwerk rein intellektuell zu erfassen, paradox. Letztlich sprechen hier Priester vom Sex oder anders gesagt: Vom Kunst machen haben K, K und K wenig Ahnung. Anders als bei konzeptionell arbeitenden Künstlern (hier herrscht die gleiche Wellenlänge) werden rein intellektuelle Analysen den intuitiv-emotional arbeitenden Künstlern selten gerecht. Ein intellektueller Kunstbetrieb isoliert sich, ist elitär und wird hermetisch. Das ist durchaus gewünscht. Gerne bleibt die Szene unter sich und genießt ihre Insiderwitze.

Die Kindermund-Variante. Bevorzugt von normalen Menschen, Obdachlosen, Besoffenen und Hausmeistern

Diese Variante wertet. Endlich mal! Für Vernissagegespräche gilt nämlich: Je höher der Bildungsgrad, desto verhaltener – und damit auch langweiliger – die Dialoge. Kritik, Unverständnis oder gar freie Emotionen, werden nur selten geäußert. Allgemein herrscht auf Vernissagen eher die Stimmung von Beerdigungen: wispernde, gedämpfte Stimmen, schwarze Kleidung, ernste Gesichter, nickende Köpfe, die rechte Hand stützt das Kinn, der Zeigefinger reibt die Nase … Diese anstrengende Pflichtübung zur Kultur wird dementsprechend kurz, wenig sinnlich und dialogarm gehalten. Dabei haben Künstler selten genug Kontakt mit der Welt – und damit auch wenige Gelegenheiten, ein Feedback zu erhalten. In der Regel waren es Obdachlose, Besoffene oder Hausmeister, die mich recht zwanglos in Gespräche über meine Arbeiten verwickelten: Sach ma, warum sind die denn alle so weiß im Gesicht? So weiß ist doch gar niemand in echt.

Doch Klassifizieren, Einordnen und Kategorisieren kann auch ein Schutz sein. Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften stand die Kunst von jeher in dem Ruf, subjektiv, unfassbar und damit auch naiv zu sein. Aus einem tiefen Komplex heraus simuliert deshalb der akademische Kunstbetrieb die naturwissenschaftliche Methodik. In einem Artikel von Ben Lewis über den New Yorker Maler George Condo in der Kunstzeitschrift MONOPOL habe ich alle Eigennamen gemarkert, die für das Verständnis des Artikels notwendig sind. Um seine These „George Condo als Francis Bacon der Neuzeit“ zu stützen, braucht der Autor nicht weniger als siebenunddreißig Eigennamen aus Kunst und Kultur, darunter Frans Hals, Walt Disney, Jiri Georg Dokoupil, Walter Dahn und Monica Lewinski.

Dabei ist klar: Jeden dieser Eigennamen muss der Leser kennen, damit er der Argumentation des Artikels folgen kann. Andernfalls hat nur der Autor Spaß. Dabei könnte die Malerei Condos kaum sinnlicher sein, es handelt sich um großartige und überaus starke Werke, die sich emotional spontan erschließen – wenn man dem Betrachter die Chance dazu geben würde. Doch nach dem Schwall von Bezugnahmen und Verortungen, bleibt das Gefühl für die unmittelbare Wucht seiner Malerei auf der Strecke.

Wie absurd Kunstbeschreibungen werden können, ist auch der Szene selbst bewusst. Der Kunstbetrachter sollte es sich deshalb ruhig mal gönnen, die berühmte Buergelmaschine unter exot-magazin.de anzuwerfen. Hier kann ein eigenes „Kunstwerk“ hochgeladen werden, das dann von einem „automatischen Kurator“ besprochen wird. Dabei werden die üblichen intellektuellen Kunstfloskeln mit Hilfe eines Zufallsgenerators aneinandergereiht und siehe da – es passt immer!

  1. Roger M. Buergel, künstlerischer Leiter der Documenta 12 []

Raymond Unger

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