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Archiv für März, 2010

Frischzelle_12: Katinka Bock
Bis 06. Juni 2010 im Kunstmuseum

31. März 2010


Wer bis Anfang Juni nichts zu tun hat, kann sich im Kunstmuseum neben die Arbeit Geschwister von Katinka Bock legen und dem ungebrannten Ton beim Auseinanderbrechen zuschauen. Die 1976 in Frankfurt geborene Künstlerin bespielt in der Reihe „Frischzelle“ eine Ecke im Untergeschoss. Zehn Skulpturen hat sie erarbeitet, die sich mit dem Ort, dem Raum und der Dauer ihrer Ausstellung beschäftigen. Besagtes Werk Geschwister besteht aus zwei großen Tonplatten. Auf der einen liegt ein Hut ohne Krempe (die Künstlerin meint, eine besondere Vorliebe der Stuttgarter Bürger für klassische Kopfbedeckungen entdeckt zu haben), der, wenn es draußen regnet oder schneit, von einem Museumsangestellten mit Wasser gefüllt wird. Auf der anderen Platte liegt in Stapel Papier, der Feuchtigkeit aus dem Ton aufnimmt. Im Ergebnis klafft hier bereits ein breiter Riss, während das Wasser im Hut den Ton feucht und flexibel hält. Das Stuttgarter Wetter entscheidet also über den Fortgang der Installation, am Ende werden die Platten gebrannt und ihr Zustand konserviert.

Ähnlich funktionieren viele von Bocks Arbeiten. Sie verarbeitete dieselben Lavabasaltsteine, die auch im Museumsfoyer liegen, präsentiert ein dem Zuschauer verborgenes Graffito aus dem Heizungskeller des Museums und verbirgt es ebenfalls, indem sie die Drei-Meter-Bildbahn vom Betrachter wegdreht und eng an der Wand installiert. Für die Arbeit Before Detroit legte sie eine Tonwurst in die Verkehrstunnel beim Museum, fuhr mit ihrem Auto drüber und präsentiert die drei Teile nun als Reminiszenz an einen alten Tunnel, der bis 1978 direkt unter dem Platz hindurchführte, wo nun das Museum steht.

Michael Reuter

Parrot on Backstreet

31. März 2010

13 years after its release “Everybody” seems to include parrots as well.

Maxima Elektra

sonnendeck-Leser werben Anzeigenkunden

30. März 2010

Sehr geehrter Leser,

wir suchen ab sofort aus der Mitte unserer Leserschaft geschäftstüchtige Anzeigenberater, Makroökonomen oder Drückeberger; kurzum Spezialisten, die sich für den Job als Heils- und Anzeigenbringer für all unsere Leser berufen fühlen. Schluss mit dem leidigen Thema des Leserreporters, der mit seinen überzeugenden Ich-war-auch-dabei-Ansichten („Neulich während der Schlägerei in der U-Bahn“, „Gestern im Stau beim Massenunfall“) Konkurrenzjournalismus betreibt. Die Zeiten in denen selbst ernannte, veröffentlichungswütige Amateurjournalisten tätig wurden sind vorbei.

sonnendeck läutet den Wandel ein und ruft: Leseranzeigen statt Leserreporter.

Die Nuller-Jahre sind abgelaufen, willkommen im Jahr 2010. Nutzen Sie Ihre Zeit endlich sinnvoll und verdienen Sie dabei noch kräftig mit, denn das sonnendeck ist auf Expansionskurs. Sie sind überzeugter Anhänger postkapitalistischer Marketingstrategien, verehren dennoch Journalismus aus einem Guss? Gehen gerne unter Leute, sehen passabel aus und sind gar redegewandt? Sie treten überzeugend auf, sind angstfrei und zukunftsgläubig? Dann sollten Sie sich diese Chance nicht entgehen lassen und noch heute unter dem Betreff: „Ich werbe gerne Anzeigen“ Pia Kupke unter anzeigen@sonnendeck-stuttgart.de kontaktieren. Besser noch wenn Sie gleich mit Ergebnissen kommen.

Informationen senden wir Ihnen kostenlos zu.

Herzlichst
die Redaktion

Hansjörg Fröhlich

Weltecho
Installation im Kunstverein Ludwigsburg
21.März – 25. April 2010

28. März 2010

Eine sehr reduzierte Installation von Julian Hetzel und Hannes Waldschütz zeigt der Kunstverein Ludwigsburg. Paralell zur Ausstellung E. F. Walcker & Co. Orgelbau im Städtischen Museum haben die beiden in Leipzig lebenden Künstler mit dem Werk Organ einen eigenwilligen Kommentar zur Königin der Instrumente abgeliefert.

Ihre drei multimedialen Arbeiten kreisen um die Themen Dauer und Verschwinden. Die kleine, sakral anmutende Halle des Kunstvereins wurde bestuhlt und mit Programmblättern ausgestattet. Allerdings ist von der angekündigten Orgelmusik nichts zu hören, außer einem kurzen, anschwellenden Nachhall des jeweiligen Stücks. Rechts im Gang läuft gleichzeitig ein Video, dass abwechselnd die dunklen Rücken der Organisten zeigt. Diese spielen aber nicht , sondern sitzen nur stumm mit ihren Noten vor einer weißen Wand. Die dritte Installation im Garagenraum besteht aus einer facettierten Glaskugel und einer kleinen Orgelpfeife, die permanent und nervtötend vor sich hin pfeift.

Schon klar, das klingt alles nach verkopfter Langeweile oder nach meditativer Kunst, hat aber einen heimtückischen Reiz, der überhaupt nicht beruhigend wirkt.

Michael Reuter

Erhabene Melancholie
Elger Esser im Kunstmuseum
Noch bis 11. April 2010

28. März 2010

Nicht klein, aber fein präsentiert sich die Ausstellung Eigenzeit von Elger Esser in Stuttgart. Eng geführt am Thema der Suche nach der verlorenen Zeit zeigt das Kunstmuseum rund 50 großformatige Fotoarbeiten des Becher-Schülers, die sich deutlich in einzelne Werkblöcke zergliedern, dabei aber stets um das gleiche Thema kreisen.

„Essers Bilder erzählen von Sehnsucht, dem Wunsch, etwas festzuhalten, was doch verloren ist, längst und unumkehrbar“, schreibt Alexander Phüringer im Katalog.

Gemeinsam mit der Kuratorin Simone Schimpf setzte der 1967 in Stuttgart geborene Künstler drei Schwerpunkte für seine erste große Überblicksschau. Zum einen gibt es großformatige, in ein gelblich-diffuses Licht getauchte Landschaftsbilder, die zum Markenzeichen des Fotografen geworden sind, zum anderen Schwarzweiss-Heliogravüren von kleinen französischen Orten, die Elger Esser zu einem Bild des fiktiven Ortes Combray aus dem Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit zusammensetzt. Die alte, beinahe vergessene Drucktechnik der Heliogravüre bewirkt dabei eine besonders feine Grauabstufung, die den Arbeiten etwas Zeichnerisches gibt.

Dominiert wird die Ausstellung von den extremen Vergrößerungen einzelner Motive seiner umfangreichen Sammlung historischer Postkarten von nordfranzösischen Küstenorten. Die aufgeblasenen Abzüge verfremden die Motive hin zu Impressionismus und Abstraktion und wurden teilweise von Hand nachkoloriert. Ein interessantes Experiment, das den Betrachter aber ziemlich kalt lässt, zumal viele der Großformate in einer Art Petersburger Hängung konzentriert sind und dadurch an Kraft einbüßen. Ergänzend werden einige historische Gemälde, Fotos und Postkarten des 19. Jahrhunderts und zusätzliche Materialien zur Person Marcel Prousts gezeigt.

„Ich möchte kein Maler sein! Ich möchte nur kein Fotograf mehr sein!“, sagte Elger Esser beim Presserundgang und betonte damit seinen Anspruch, das dokumentarische Abbilden der Welt hinter sich zu lassen, um zum Wesenskern, zur Eigenzeit der fotografierten Orte vorzudringen.

Michael Reuter

Na, solange es für die Deko noch reicht …

26. März 2010

Print-Revival?
Motto Distribution im Künstlerhaus Stuttgart
Bis 02. Mai 2010

26. März 2010

Viel Print in Sachen Kunst und Design gibt es bis Anfang Mai im Künstlerhaus zu bestaunen. In Zusammenarbeit mit Motto Distribution liegen Hunderte von Künstlerbüchern und Zeitschriften aus, die erblättert und gekauft werden wollen, von Do-it-yourself-Zines bis zu Veröffentlichungen renommierter Institutionen.

Das sonnendeck sprach auf der Vernissage mit dem Schweizer Alexis Zavialoff, der eifrig in der Welt rumreist, um seinen 2007 gegründeten Vertrieb durch temporäre Buchläden, Präsentationen und andere Events zu vermarkten. Wieder eine Idee, auf die wir leider nicht selbst gekommen sind.

Wie kamst du auf den Gedanken, einen Vertrieb für Kunstpublikationen zu gründen?

Ich bin eigentlich Fotograf. Um meine Arbeiten zu veröffentlichen, habe ich vor etwa sechzehn Jahren mein erstes eigenes Magazin gestaltet. Es ging um Skate- und Snowboarding, Kunst, Musik und Design, alles gemischt, ein bisschen wie das Lodown-Magazin.
Ich war viel unterwegs in New York, Barcelona, Prag und Berlin. Zurück in Lausanne habe ich festgestellt, dass es keinen Vertrieb für experimentelle Magazine in kleinen Auflagen gab und so habe ich vor einigen Jahren angefangen, selbst diese Zeitschriften anzubieten. Dann ist alles sehr schnell gegangen. Nach zwei Jahren hatte ich fünfzig Titel, mittlerweile sind es über tausend. Seit Ende 2008 gibt es in Berlin-Kreuzberg auch einen permanenten Laden.

In letzter Zeit gibt es immer neue Läden, die kleine, unabhängige Zeitschriften im Angebot haben. Print ist wieder „in“?

Es ist heute sehr einfach, selbst ein Heft zu gestalten. Ein Laptop, ein Inkjet und los geht’s. Früher gab es überwiegend die fotokopierten Punk-Magazine. Jetzt ist es möglich, für wenig Geld eine sehr gute Qualität zu gestalten und über das Internet lassen sich die Produkte auch bekannt machen und verkaufen.

Welche Auflagen haben die Publikationen?

Regelmäßig erscheinende Zeitschriften haben meistens eine Auflage zwischen 500 und 2000 Exemplaren.

Nach welchen Kriterien wählst du aus?

Eine Mischung aus Inhalt, Design und Objekt. Mittlerweile kriege ich soviel Material, ich kann unmöglich alles in den Vertrieb aufnehmen.

Aus welchen Ländern kommen die besten Magazine?

Aus Holland und der Schweiz kommen viele gute Sachen, auch weil die Mittelbeschaffung dort gut funktioniert. Deutschland hat eine eher klassische, akademische Buchkultur, in Holland wird mehr experimentiert.

Hast du ein Lieblingsblatt?

Ich mag Roma Publications aus Amsterdam. Die haben mittlerweile 140 unterschiedliche Formate, alles sehr experimentell.

Michael Reuter

Arbeiten von Sati Zech und Jörg Bach im Kunstverein Reutlingen
Bis 11. April 2010

25. März 2010

Der Kunstverein Reutlingen zeigt verschlungene Stahlkörper in allen Größen des Künstlers Jörg Bach (*1964) gemeinsam mit Arbeiten aus dem Werkkomplex Bollenarbeit von Sati Zech (*1958).

Die in Berlin lebende Künstlerin kommt aus der Bildhauerei. Ihr bevorzugtes Motiv ist ein kleiner Hügel, der in verschiedenen Techniken variiert wird. Als malerische Zeichnung in erdigem Rot werden die Bollen in unendlicher Wiederholung zu Bildgeweben verknüpft, die an Strickmaschen erinnern. Andere Bilder bestehen aus vernähten Leinwandstreifen, die die Nähe der Künstlerin zur plastischen Arbeit belegen. Die Bollen entwickelten sich ursprünglich aus einer Gefäßform, wobei sinnlich-erotische Assoziationen durchaus gewollt sind. Auf ihren vielen Reisen nach Afrika wurde Zech außerdem von den dortigen Rundbauten inspiriert. Afrikanische Einflüsse passen auch gut zur archaischen, rituellen Anmutung ihrer Bilder.

Die durch den Saal mäandernden Corten-Skulpturen von Jörg Bach geben sich ebenfalls amorph-organisch, wirken aber trotz ihrer offenen Form gegenüber den Arbeiten von Zech sehr distanziert und verschlossen. Bachs Skulpturen eignen sich gut zur Stadtmöblierung: Sie sind mehrheitsfähig, sehen hochwertig aus und werden nach kürzester Zeit vom Gehirn des vorübereilenden Passanten ausgeblendet. Es fehlt einfach die visuelle Reibung.

Michael Reuter