Editorial: Wasser, Ausgabe 79, März 2010
Liebe Leserinnen, liebe Leser, Freunde des tiefsten Grundes,
war ja wieder klar: Kaum verdünnisiert sich der Chefredakteur in den wohlverdienten Jahresurlaub, lassen die Hofschranzen die Netbooks fallen und suchen nach Möglichkeiten, den Arbeitspegel zu senken. Besser noch, erträumt sich das Rumpfteam beim abendlichen Schiffchenfalten, ein anderer würde die lästige Schreiberei erledigen, oder – Das wäre es doch! – gar nichts mehr schreiben, sondern das Heft kräftig bebildern. Schließlich sagt ein Bild ja bekanntlich mehr als tausend Worte und das sonnendeck ist als Kunstmagazin geradezu moralisch verpflichtet, nicht den Autoren sondern den Künstlern ein Forum zu bieten.
Nun lassen sich in der Regel vor den Redaktionsräumen keine größere Ansammlungen publikationswilliger Kreativer finden. Die wenigen Grafikmappen, die demütig an der verriegelten Tür hinterlegt werden, reichen gerade mal für eine Handvoll Schiffchen, und die paar Bildhauer vertreibt zuverlässig unser Pitbull „Hrdlicka“. Es half nichts, einer musste los, um Hilfe ersuchen im Adlerhorst der Kreativität, in der Brennkammer Stuttgarter Kunstproduktion, kurz: in der Kunstakademie auf dem Killesberg. Im Gepäck nur eine vage Idee, die alle Ismen der vergangenen Jahrhunderte hinter sich lassen und zum Grund menschlicher Erkenntnis zurückfinden sollte: die vier Elemente – Feuer, Wasser, Erde, Luft!
Dass nun ausgerechnet die Klasse für Glasgestaltung und Malerei mit dem Thema „Wasser“ das erste Teilstück unseres Experiments umsetzt, ist zum einen dem Wohlwollen gegenüber ihrem künstlerischen Œuvre geschuldet, zum anderen umfasst das Material Glas wundersamerweise alle vier Elemente. Es besteht hauptsächlich aus Quarzsand (nicht gerade Erde im klassischen Sinn, aber durchaus etwas, auf dem man herumlaufen kann), der mit anderen Rohstoffen vermischt und eingeschmolzen wird – womit wir schon beim Feuer wären. Glasklar: ohne Luft kein Feuer! Und wer abends seinen Wein ungerne aus dem Tetrapack trinkt, freut sich über die Blas-Blas-, Saug-Blas- oder Blas-Press-Verfahren zur automatischen Flaschenproduktion und die unendlichen Möglichkeiten schlüpfriger Wortspiele. Der Schritt von der Flasche zum Wasser ist nur kurz – fertig ist die holprige Begründung eines nicht erklärungsbedürftigen Umstands, denn im Kern geht es bei den vier Elementen lediglich um eine maximal große Wolke möglicher Assoziationen und die redaktionelle Neugier, wie heutige Kunststudenten sich diesen basalen Themen menschlicher Existenz nähern.
Nach dem plötzlichen Tod von Johannes Hewel, der die Studienrichtung Glasgestaltung und Malerei im Studiengang Bildende Kunst sechszehn Jahre lang geleitet hat, übernahm Andreas Grunert die Klasse. Hewel interpretierte die Glasgestaltung als ein Medium, das alle Aspekte der Kunst anspricht. Unter seiner Ägide beteiligte sich die Klasse an zahlreichen Wettbewerben der Glasgestaltung in der Architektur. Sogar in Afghanistan gibt es seit 2005 ein Kinderkrankenhaus, das mit Glasarbeiten aus Stuttgart ausgestattet ist. „Professor Hewel hat immer viel von seinen Studenten gefordert“, sagt Claudia Heinzler. Sie leitet seit 2001 die Werkstatt für Glasmalerei und Glasbearbeitungstechniken. Die Einbettung der Studienrichtung Glasgestaltung in den Studiengang Bildende Kunst ist für Heinzler eine notwendige Abgrenzung gegenüber Design und Kunstgewerbe.
Auch Andreas Grunert sieht in der breiten Aufstellung der Klasse mit Glasgestaltung, Malerei, Druckgrafik und Zeichnung einen großen Vorteil. Da er die Klasse nur bis zum Herbst betreuen wird, ist die Zeit zum Setzen eigener Akzente kurz. Er unterstützt die stilistische Vielfalt und fördert die Studenten auf der Suche nach ihrem eigenen Weg.
Nun liegen die Arbeiten der Klasse vor und der künstlerische Schwerpunkt hebt sich wie Aphrodite aus den Fluten vor Kythera: Besonders angetan sind die Jungkünstler vom Meer, von der Struktur der Wellen und ihren ornamentalen Möglichkeiten. Leonora Ruchay türmt in ihrer Glasarbeit kristalline Wellenberge auf. Leonie Brenners Gischt hat etwas Musikalisches und Edith Landwehr nähert sich dem Chaos streng mathematisch. Ganz andere Interpretationen finden Diana Dzagnidze, die Schluckgeräusche auf ein Glas graviert, oder Christiane Prehn, die einen Eisbrocken mit Tesafilm umwickelte, das Eis schmelzen ließ und die leere Hülle wieder in der Natur plazierte. Besonders gut gefiel uns das Einmachglas mit Schwimmer von Olga Sittner, das einen Ehrenplatz auf dem Cover erhält.
Konzeptionell arbeitet Manuel Iwansky mit seinem Gedichtgenerator unter der Adresse http://manuel.endofpainting.de/geisha.php, der Zeilen produziert wie:
In eine Seele versunken sein,
Ein Anwalt, der durchs niedere Laubdach rauschte,
Was dort um Hintergründe braust und braut,
Des Stromes strenge Wogen meerwärts rauschen.
Im Sinne partizipativer Kunst steuert Jan-Hendrik Pelz den nebenstehenden Gutschein bei, der jedem Einsender gegen die Erstattung der Portokosten einen in Wasser eingelegten „echten Pelz“ verspricht. Nun, bei einer Auflage von 10.000 Exemplaren könnte er eine Menge zu tun kriegen und so ermutigen wir die geneigten Leser, sich zahlreich an der Aktion zu beteiligen – wer weiß, was aus dem Jungen mal wird!
Herzlichen Dank an die Klasse Grunert für die Beteiligung an unserem Experiment und feuchte Grüße vom sonnendeck


Wollte eigentlich ganz früh in die Heia und “nur noch mal schnell blättern”, wurde dann aber nachhaltig daran gehindert von den netbook dropping Hofschranzen.
War insofern doch noch ein SEHR lustiger Abend.