Ein Demiurg mit Kettensäge

„Skulptur ist, worüber man stolpert, wenn man zurücktritt, um sich ein Gemälde anzusehen”, meinte der Maler Ad Reinhardt. Im Atelier von Thomas Putze in den Stuttgarter Wagenhallen gibt es eine Menge Skulpturen, über die man stolpern kann. In allen Größen, von zwergenhaft bis raumfüllend. Drangvolle Enge und lärmiges Durcheinander beherrschen das kleine Hallenteil. Richtig arbeiten kann der Künstler hier schon lange nicht mehr. Warum auch? Draußen scheint die Sonne und die fliegenden Holzspäne verteilen sich auf dem verkrusteten Matschboden der beliebten Alternativ-Location in Stuttgart.
Putze zerrt eine seiner grotesken Figuren aus der dunkelsten Ecke und präsentiert sie im Licht der tief stehenden Morgensonne. Die grob geschnitzten Menschen, Elefanten, Hasen, Kopffüßler und Chimären aus Holz und rostigen Metallteilen scheinen im Atelier ein stummes, andauerndes Happening zu veranstalten. Man kann sich lebhaft vorstellen, welche Partys auf dieser etwas anderen Arche Noah abgehen, wenn die Lichter gelöscht und das Rolltor abends verschlossen wird.
Ein allzu blasphemisches Umfeld für einen ehemaligen Theologiestudenten? Putze bezeichnet sich trotz seiner neuen Berufung als Demiurg mit Kettensäge als einen Menschen, „der mit Glauben umgeht“. Die christliche Ikonografie ist stets präsent. Gewindeschrauben werden zu Pfeilen, Bolzen zu Dornenkronen und Gullideckel zu Christuskindern. „Welche Kunst ist eigentlich nicht religiös?“, fragt Putze und tätschelt die lange Zunge eines verärgerten Holzwesens.
Sein Lieblingswerkzeug ist die Motorsäge. Stundenlange Feinarbeit mit Beitel und Klöpfel ist ihm ein Graus. „Vor einiger Zeit stand in der Zeitung: ‚Pokorny hat Putze trefflich an der Motorsäge ausgebildet.’ Das war aber nie das Thema. Mich interessiert die Säge, weil sie zeichnerisch ist.“ Gelegentlich flammt er die Oberfläche eines Werkstückes ab, um die Spuren der Säge zu glätten. Doch die splitterige Oberfläche, die Schrunden und Verletzungen des Holzes sind für Putze allemal interessanter.
Ungewöhnlich und im aktuellen Kunstbetrieb eher hinderlich sind sein Umgang mit Humor, die Dehnbarkeit seines Werkbegriffes und das Spiel mit dem Kunsthandwerklichen. „Ich kann eine Figur so machen, dass es Kunsthandwerk ist, ich kann es aber auch so machen, dass es Kunst ist. Das Spannende ist dann der Moment, wo es kippt, wo es anfängt zu flirren. Die meisten Künstler sind bierernst und sehr darauf bedacht zu erklären, wie wahnsinnig wichtig sie sind. Aber die Relevanz ergibt sich aus der Sache selber. Humor ist ein Teil des Umgangs mit dem Leben.“

Warum beim Lesen soeben der Geister-Rock’n-Roll aus ungeahnten Tiefen in mein Bewußtsein schießt – incredible!