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Archiv für April, 2010

Essenz und Überfluss

13. April 2010

Merkwürdige Kontraste findet der interessierte Besucher auf dem Gelände der Firma Vitra in Weil am Rhein. Im Museum sind die 160 Objekte der Ausstellung Die Essenz der Dinge zu bewundern, ein paar Schritte weiter türmt sich der gigantische neue Vitra-Showroom der Star-Architekten Herzog und de Meuron. Auf vier Etagen plus Shop, Café und Business Lounge lassen sich alle Vitra-Möbel und Accessoires bewundern, direkt kaufen oder bestellen. Am Empfang bekommt der Besucher eine Chipkarte, die auf jeder Etage Zugang zum digitalen Katalog mit Produktinformationen und Preisen bietet. Auch eine Händleranfrage kann gleich abgesendet werden. Und das Gebäude … ein Wahnsinn! Crisis? What Crisis?

Nach einem Großbrand im Jahr 1981 entstand peu à peu ein beeindruckender Architektur-Campus mit dem Feuerwehrhaus von Zaha Hadid (1993), dem Konferenzpavillon von Tadao Ando (1993), dem Vitra Design Museum von Frank Gehry (1989) und schließlich dem neuen VitraHaus von Herzog und de Meuron (2010), um nur die Höhepunkte der kleinen und großen Architektenbauten auf dem Produktionsgelände zu nennen.

Nicht ganz so gelungen ist die Ausstellung Die Essenz der Dinge. Untersucht werden soll hier die Reduktion in der Gestaltung „unter ökonomischen, funktionalen, ästhetischen und ethischen Aspekten“. Damit machen die Kuratoren ein 5-Liter-Partyfass mit integriertem Zapfhahn auf, das glaubt, es wäre der Wiesn Anstich. Die Schau bietet vor allem eine Menge Stühle aus der riesigen Museumssammlung und Kleinzeugs von Sparschälern bis zum iPod, die alle zeigen sollen, das weniger mehr ist. (Der nagelneue und quietschgelbe Tata Nano soll hier natürlich nicht unerwähnt bleiben.) Funktioniert durchaus, aber nicht so richtig, denn ein Haufen Stühle bleibt ein Haufen Stühle, auch wenn er museal präsentiert wird und mit der Aura des „Originals“ oder gar des „Prototyps“ gehandelt wird, weil offensichtlich alt und angerostet.

Lassen sich die ökonomischen und funktionalen Aspekte eines Stapelstuhls oder eines IKEA-Regals noch einfach vermittlen, müssen sich die Kuratoren winden wie ein Python, um nicht in den Graben zwischen Luxusleere und blanker Not zu fallen. „Ob es sich um Luxus, Armut oder Askese handelt, um Verzicht als Variante des Überflusses, um Entbehrung, etwa unter Bedingungen der Haft, um Enthaltsamkeit als spirituelle Haltung im Kloster oder spartanische Strenge als totalitäre Unterdrückung – die Semantik reduzierter Formen ergibt sich vor allem aus dem Kontext, in dem sie uns erscheinen.“ Und dieser Kontext ist bei Vitra allemal der verschwenderische Luxus einer Möbelindustrie, die aus sich leisten kann, mehr auf das Autoren-Prinzip zu setzten als auf die pure Funktionalität. Bei Vitra kauft sich keiner einen Sessel, man kauft sich einen Eames, einen Le Corbusier oder einen Breuer. Da ist nichts gegen einzuwenden, aber der Besucher sollte keinen soziologischen Diskurs erwarten. Bei Vitra geht es immer um Schönheit, um Stolz auf das Erreichte (mit Recht) und ein bisschen Angeberei ist auch dabei (sei’s drum).



Michael Reuter

Die Schwestern und Brüder der rauschenden Farben

11. April 2010

Mit Anne Bammerlin, Karin Brosa, Michael P. Hofmann, Steffen Kugel, Robert Matthes und Michael Stolz stellen einige Gewächse der Aka Stuttgart am Nordbahnhof unter dem Titel Die Schwestern der rauschenden Farben und die Brüder des kühlen Lichts eine bunte Mischung malerischer Positionen aus, ergänzt durch einige Radierungen. „Meine Bilder huldigem dem Trugschluss subjektiver Wahrnehmung“, schreibt Steffen Kugel in seiner Selbstdarstellung. Keine Ahnung, was der Kerl damit meint, aber meiner subjektiven Wahrnehmung nach ist von kühlem Licht weder bei den Schwestern noch bei den Brüdern etwas zu spüren, dafür rauscht es farblich umso leidenschaftlicher. Zu sehen noch nächsten Samstag und Sonntag, 17./18. April von 15-19 Uhr im Projektraum op-nord.

Michael Reuter

mal sehen was osho meint

8. April 2010

is ja immer leicht gefährlich, wenn sowas hier gesendet wird.

DOCH…
…nach lektüre dieses kommentares auf spiegel-online mit der überschrift Die Mittelschicht betrügt sich selbst. kann nur dieser mann aus der patsche helfen.
es reicht auch nur, die ersten anderthalbminuten anzusehen.

Strelsen

Entschleunigung römisch vier: Kill all VJs or better pull the plug

8. April 2010

wer hat sich im club nicht schon über die VJs aufgeregt, die mit ihren schnellen prozessoren den sound mit visuals unterlegen, die zwar in realtime aber trotzdem vollkommen nichtssagend sind. hier eine lösung, die altertümlich anmutet, aber dafür abend für abend ein unikat hinterlässt. sam shackleton, ein dubstepper aus england (kurz am rechten bildrand zu sehen) sorgt für den suggestiven sound, seine cds/dateien sind sehr zu empfehlen. antivj hat etliche auftritte hinter sich, seine an einem abend zum sound eines djs seines vertauens gefertigten riesenpanels, zieren die wände amtlicher clubs in uk und kontinentaleuropa.

Hansjörg Fröhlich

Die vier Elemente: Wasser
Bilder der Klasse Andreas Grunert, Kunstakademie Stuttgart

8. April 2010

Endlich, endlich, möchte man meinen: Die Arbeiten der Klasse Andreas Grunert aus unserer März-Ausgabe auch auf der sonnendeck-Webseite. Unkommentiert. Um es mit Johann Winckelmann zu sagen: Edle Einfalt, stille Größe. Für die Riesendiashow einfach draufklicken. An dieser Stelle noch einen herzlichen Dank an Hans Martin Wörner für die wunderbaren Reprofotografien.

Michael Reuter

Klasse Bunk in Reutlingen
Zu sehen bis 02. Mai 2010

5. April 2010





Kaum ist die Klasse Bunk mit ihren Werken zum Thema „Feuer“ im Aprilheft des sonnendecks vertreten, schon hagelt es Ausstellungsangebote aus aller Welt. Den Anfang macht die Städtische Galerie in Reutlingen, die noch bis Anfang Mai plastische und raumbezogene Arbeiten der Klasse zeigt.

Ausgangpunkt war die Erkenntnis, dass die Galerie zwar viel Platz, aber wenig Hängefläche für klassische Flachware bietet. Was soll‘s, dachten sich die Studenten und entwickelten ein Raumkonzept, das viel Platz für Installationen, Skulpturen und Wandarbeiten bietet. An der Ausstellung beteiligt sind die Studierenden Galina Adam, Aida Baňuelos, Alec Barth, Gitta Bertram, Solange Caillez, Marco Faisst, Oliver Feigl, Nadine Fiedler, Matthias Flamm, Consuelo Guijarro Rincon, Julia Herrmann, Oliver Kraft, Florina Leinß, Adrianna Liedtke, Michaela Lichtenberg, Yulee Pae, Estefania Riera, Benjamin Thaler, Alberto Zamora Ruiz, Nicole Ziegler sowie Rebekka Brunke und Professor Holger Bunk.

Am 18. April findet um 15 Uhr ein Künstlergespräch mit Prof. Holger Bunk und Rebekka Brunke statt.

Michael Reuter

Endlich auch in Stuttgart! Die limitierte Kompressionsstrumpf-Edition von Wolfgang Joop mit dem DNA-Touch

3. April 2010

Editorial: Feuer, Ausgabe 80, April 2010

1. April 2010

Liebe Leserinnen,  liebe Leser, Freunde des flammenden Infernos,

im leicht angestaubten US-Triller Sieben spricht sich der alternde Cop William Somerset seinen City-Blues von der Seele: „In Großstädten ist es üblich, dass sich kein Mensch um den Anderen kümmert. Bei der Selbstverteidigung wird Frauen beigebracht, nie um Hilfe zu rufen, wenn sie vergewaltigt werden, sondern ‚Feuer‘. Auf Hilfe reagiert keiner. Bei Feuer kommen sie gerannt.“

In unserer kleinen Reihe über die vier Elemente beschäftigt sich das sonnendeck im April mit eben diesem magischen Brennen, das wir gleichzeitig fürchten und wie hypnotisiert bewundern. Wir sind dankbar, dass die Malereiklasse von Holger Bunk an der Kunstakadmie Stuttgart sich spontan bereit erklärte, uns trotz eines vollen Terminkalenders bei der Illustration des Themas Feuer zu unterstützen.

Nachdem wir im März eine kontemplative Folge von Kunstwerken zum Thema Wasser der Klasse von Andreas Grunert im Heft hatten, die besonders vom Meer, von der Struktur der Wellen und ihren ornamentalen Möglichkeiten beeinflußt waren, erhofften und erwarteten wir nun, passend zum feurigen Element, ein drastisches Kontrastprogramm. Und tatsächlich, obwohl die angekündigten Variationen über Professor Bunk auf dem Scheiterhaufen leider doch nicht umgesetzt wurden, zeigt die Klasse ein breites Spektrum zum Element Feuer, das sich nicht in der Darstellung von züngelnden Flammen erschöpft, sondern auch mit der Farbe Rot oder dem Feuer der Leidenschaften spielt.

Oliver Feigls BRAVO-Fankarte von Joey Kelly, Ex-Teenischwarm, Marathonmann und Motivationstrainer von Schwergewicht Reiner „Calli“ Calmund, haben wir zunächst mal umgedreht, um über seine wilde Haarpracht dem Thema vielleicht näherzukommen. Auf Nachfrage erklärte Feigl jedoch, er habe das Thema Feuer eher als emotionalen Zustand gesehen, so in Richtung „Ich bin Feuer und Flamme für…!“ oder „Mein Herz ist entbrannt für …“. An sich nur ein Stück Papier, wird die Fankarte zum Stellvertreter der Person, und kann sowohl materiell als auch emotional einen großen Wert entwickeln.

Das ausgelassene Tänzchen der Frau auf dem Bild WW (HSC) von Alberto Zamora Ruiz erklärt sich nicht durch Emotionen, sondern durch eine beginnende spontane menschliche Selbstentzündung (engl. Spontaneous human combustion, SHC), einer urbanen Legende, die für den Betroffenen stets unschön endet, im Fall der älteren Dame aber die Rentenkasse schont. Was übrig bleibt, malt sich Alec Barth drastisch in seinem Werk breath in combust aus. Also nein, wirklich – genau so wollten wir es haben! Und wer mehr von Holger Bunks Eleven sehen möchte, sei an die Städtische Galerie Reutlingen verwiesen, die noch bis Anfang Mai plastische und raumbezogene Arbeiten der Klasse zeigt.

Und auch unser verschollen geglaubter Chefredakteur Hansjörg Fröhlich meldete sich per Dschungelfunk aus dem rauch- und rauschgeschwängerten Herz der Finsternis zurück, um uns aus dem fernen Indien in einer kurzen Phase geistiger Klarheit seine Ansichten zu den vier Elementen Wasser, Feuer, Erde, Luft kundzutun.

Hang loose, Alter, und pyromanische Grüße vom sonnendeck

Michael Reuter