Sicher am Berg
Der deutsche Expressionist Ernst Ludwig Kirchner fand 1918 in der höchstgelegenen Stadt Europas einen vergänglichen Frieden. Zwanzig Jahre später beschloss er, Zuflucht an einen noch höher gelegenen Ort zu suchen: Kurz vor 10 Uhr am Morgen schoss er sich mit einer Browning zweimal in die Brust.

Schön ist sie gewesen, die Schweizer Bergwelt im Jahr 1920 rund um den schon damals beliebten Luftkurort Davos. Das Gras war grün, die Bauern knorrig, die Kühe willig und die romantisierende Sehnsucht abgestumpfter Großstadtbewohner nach dem echten Leben auf dem Lande genauso fragwürdig wie in heutiger Zeit. Besonders heftig erwischte es Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), deutscher Expressionist und Gründungsmitglied der Künstlergruppe Brücke . Als er sich 1915 als Freiwilliger zum Militär meldete, war die Brücke bereits Geschichte und Kirchner hatte in den letzten beiden Jahren seine berühmten Berliner Großstadtbilder gemalt. Gut bekommen ist ihm der Dienst in der Mansfelder Feldartillerie in Halle an der Saale nicht; ein Jahr später landete er, seelisch und körperlich am Ende, drogenabhängig und mit Lähmungserscheinungen erstmals in Davos, um sich auszukurieren. Nach zwei Wochen Zähneklappern in klirrender Kälte verließ er fluchtartig die Bergwelt, aber bereits 1918 ließ er sich für den Rest seines Lebens dort nieder. „Ich bin froh und glücklich hier zu sein und zu bleiben. Hier kann ich wenigstens in den guten Tagen etwas arbeiten und ruhig unter diesen einfachen und guten Menschen sein. Ich habe mir hier in der Einsamkeit den Weg erkämpft, der mir eine Fortexistenz bei diesen Leiden ermöglicht. Meine Zeiten des Zirkus, der Kokotten und der Gesellschaft sind vorbei.“
In der Region gibt es gerade reichlich Gelegenheit, sich mit Kirchner zu beschäftigen. Neben einer großen Retrospektive im Städel Museum in Frankfurt zeigt die städtische Galerie Stihl Waiblingen in Kooperation mit dem Kirchner Museum Davos die Ausstellung Erlebnis der Berge, die sich auf grafische Arbeiten aus den zwanzig Jahren in der Schweiz konzentriert. Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt unter dem Titel Brücke Bauhaus Blauer Reiter 180 Werke aus der Sammlung des Unternehmers Max Fischer (1886-1975). Neben Arbeiten von Nolde, Munch, Beckmann, von Jawlensky, Schlemmer und Klee bilden die vielen Bilder von Kirchner einen deutlichen Schwerpunkt.

In Waiblingen sind rund hundert Exponate an dezent farbig gestalteten Wänden am Start: Sie bieten mit Themen wie „Bergleben“, „Porträt“ oder „Akt in der Landschaft“ einen unangestrengten Einblick in das grafische Werk Kirchners. In den ersten Schweizer Jahren widmete er sich fast ausschließlich den Motiven der Bergwelt und ihrer Bewohner. Hier schien er gefunden zu haben, wonach viele seiner von lebensreformerischen Vorstellungen durchdrungenen Malerkollegen immer gesucht hatten: Das einfache Leben im Rhythmus der Natur. Neben den Lithografien, Radierungen, Holzschnitten, Bleistift- und Kohlezeichnungen von mächtigen Berglandschaften, dunklen Wäldern und flinken Hirtenbengeln sind auch die ausgestellten Druckstöcke des Holzschnitts Kühe im Frühling von 19933/34 und die Radierplatte der Arbeit Bergwald von 1920 sehenswert.
Was der Ausstellung fehlt, ist ein wenig ungeschminkte Wirklichkeit als Gegengewicht zu Kirchners schwärmerischer Verklärung des Lebens am Berg. Der harte Arbeitsalltag jenseits perwollgewaschener Naturparadiesvorstellungen spricht zwar stellenweise aus den wettergegerbten Porträts, aber man merkt den Arbeiten Kirchners an, dass er nicht in der bäuerlichen Gesellschaft integriert war. „Ich habe nicht die Art, unter Menschen warm zu werden, (…) das ist Schicksal und vielleicht einer der schwersten Gründe, weshalb ich Maler wurde. Die Kunst ist ein guter Weg, seine Liebe zu den Menschen zu bezeugen, ohne sie zu incommodieren.“ Eine Fotografie zeigt den Künstler bei einer Tanzveranstaltung in seinem Haus. „In den letzten Tagen haben wir durch das Grammophon viel Besuch gehabt. Es wurde getanzt. Diese Naturkinder sind berauscht von der Musik. Ich werde interessante Sachen zeichnen können.“ Kirchner ist zwar dabei, steht aber abseits und wirkt eher wie ein freundlich gesinnter Ethnologe, der vorindustrielle Stammesriten betrachtet.

Danke für den Hinweis – werde Anfang Mai in FFM sein.