
Die Arbeit “A World Map” ist eher eine Art Performance. Wenn Ashley Hunt eingeladen wird, sein Werk zu zeigen, lädt er Aktivisten, Künstler und Studenten ein, die Karte neu zu gestalten. Es entsteht ein verwirrendes Geflecht von gesellschaftlichen Problemstellungen, Fakten und Zuordnungen im Zeitalter der Globalisierung.
Die Migration der Form(en), Dreh- und Angelpunkt der umstrittenen documenta 12, ist für ifa-Leiterin Iris Lenz der Startpunkt, um sich über gegenseitige Beeinflussungen zwischen Orient und Okzident Gedanken zu machen. In Kooperation mit der Akademie Schloss Solitude, die heuer ihren XX. Geburtstag feiert, eröffnen Werke von sieben internationalen Künstlern die neue Reihe Kulturtransfers in der ifa-Galerie Stuttgart. „KuratorInnen und KünstlerInnen aus dem In- und Ausland untersuchen exemplarisch anhand der Migration der Formen, Gattungen und Techniken sowie unterschiedlicher Zentrum-Peripherie-Relationen Strategien der Einverleibung aber auch des Ausschlusses von anderen, „fremden“ Vorstellungen und Werten“, so Iris Lenz im Vorwort zur Ausstellung Another Country.
Ja ja, irgendwie hängen wir alle mit drin, egal ob der Bub am giftigen Spielzeug aus China nuckelt, Stararchitekt Jean Nouvel eine Filiale des Louvre in Abu Dhabi baut oder mal wieder ein paar Leichen an die Mittelmeerküsten gespült werden. Gerade die reisefreudigen Nomaden der Kulturvermittlungsbranche („Ich fliege, also bin ich“) zaubern nun rasch Diskurse wie Exklusion und Inklusion, Zentrum und Peripherie, Migration und Ähnliches mehr aus dem Bordcase. Aber ganz so taufrisch ist das Kaninchen nicht mehr. Erst im letzten Jahr standen die gleichen Themen bei der ifa-Schau zur 8. Biennale zeitgenössischer afrikanischer Kunst zur Diskussion. What’s the news?

Die Italienerin Matilde Cassari (z.Zt. als Stipendiatin in Ludwigsburg und als Künstlerin auch in der aktuellen Ausstellung des WKV vertreten) beschäftigt sich mit den Auswirkungen des religiösen Pluralismus auf die europäische Stadt der Gegenwart. Wie geht die Stadt (in diesem Fall Barcelona) mit den heiligen Orten von nichtchristlichen Immigranten um? Welche Räume werden von den Religionen genutzt? Wie verändert sich die Stadt?
Doch in der Ausstellung stecken interessante Fragen, die im Katalogbeitrag der türkischen Kuratorin Övül Durmuşoğlu (*1978 Ankara) und in den ausgestellten Werken diskutiert werden: Welche kulturellen Unterschiede sind real? Welche werden künstlich geschaffen, um welche Ziele zu erreichen? Der Mensch ist ein Kulturträger, aber bedeutet diese Tatsache, dass er dadurch in die Lage versetzt wird, sein Umfeld selbstbewusst zu gestalten? Oder prägt ihn die Kultur so stark, dass sie zum geistigen Gefängnis wird? Wie und warum grenzen sich die Kulturen gegeneinander ab? Wie gehen Gesellschaften mit Minderheiten um? Und wie entstehen Minderheiten überhaupt?
Ob und wer in einer vermeintlich globalisierten Welt noch Kulturtransfer und -austausch brauche, fragt sich die Kuratorin: „Wir fliegen, wir telefonieren per Skype, wir informieren uns im Internet über das Weltgeschehen, wir machen Einträge auf Facebook, wir schreiben, lesen und kommentieren in der Blogoshäre“. So beschreibt Durmuşoğlu die Arbeit in internationalen Netzwerken. Schöne, neue Welt, die freilich nur die Realität einer winzig kleinen Gesellschaftsschicht ist, die zudem oft genug inzestuös um sich selbst kreist. Die meisten Menschen hocken in ihrer Kammern und sind froh, wenn das Dach nicht wegfliegt.
Hier noch ein Stückchen Text des indischen Ethnologen Arjun Appadurai (*1949): „Normalerweise ist nur schwer zu ahnen, welche Minderheit in die undankbare Rolle des unglückseligen Fremden geraten wird. (…) Der Grund dafür ist, dass Minderheiten, historisch gesehen, nicht vorgefunden, sondern gemacht werden. Bestimmte, bis dato unsichtbare Gruppen werden aufgrund besonderer Entscheidungen und Strategien, die oftmals staatliche Eliten oder politische Führer zu verantworten haben, als Minderheiten sichtbar gemacht und mit Rufmordkampagnen überzogen, die bis zum Ausbruch von Ethnoziden führen können. Eigentlich sind es also nicht die Minderheiten, die Gewalt provozieren, es ist vielmehr, gerade auf der nationalen Ebene, die Gewalt, die Minderheiten braucht.“

Javier Hinojosas sammelt auf seinen Reisen Skizzen und Fotografien von Baustellen, Stahlkonstruktionen, aufgestapelten Zementsäcken, Trümmern und allerlei merkwürdigen, surrealen Details, die er im Atelier zu Skulpturen und Installationen verbaut.
Michael Reuter