Im Mai 2010 veröffentlichte das sonnendeck folgenden Artikel, den wir aus gegebenem Anlass hier nochmals wiedergeben:
In der Mitte ist es am schönsten
Es ist immer hart mit der Wahrheit zu leben, vor allem wenn man sich am Gipfel wähnte. Guido Westerwelle hat alles gegeben und noch viel mehr genommen, um seine Wunschkoalition, seine politische Traumehe zu schließen. Er hat seine Partei, die FDP, so lange umgeformt, neupositioniert und runter destilliert, bis von der Partei nichts mehr übrig war. Die FDP ist heute nur noch eine umgangssprachliche Bezeichnung für IHN, Westerwelle. Das Programm der neoliberalen Partei heißt: Hauptsache Guido. Die Feinde der FDP sind die Feinde ihres Bundesvorsitzenden – selbständig denkende Parteimitglieder, auch Mandatsträger, wurden vom 15%-Guido zur puren Staffage reduziert. Rainer Brüderle, ein Silberrücken der Partei, wurde mit dem Wirtschaftministerium abgespeist und gibt seither Ruhe, Dirk Niebel hat Westerwelle an der Spitze des Entwicklungsministeriums positioniert, um den Zugriff der Industrie und der Bundeswehr auf den Etat des Ressorts zu sichern. Frohgemut, umgeben von einer Entourage aus Wirtschaftsvertretern und anderen Lobbyisten, reist Guido als Außenminister durch die Welt und lässt alle wissen, wie wichtig und selbstgerecht er ist. Wenn er in Paris nächtigt, lässt er seine Hemden in London waschen und bügeln, das macht ihn etwas unberechenbar für seine EU-Kollegen, daher eilt ihm der Ruf der Unstetheit voraus, doch das stört ihn nicht, denn lustig ist das Vagabundenleben.

Nur ein Laster
Bis vor kurzem sah er sich an der Spitze der Welt, sah sich als größter lebender Organismus der Erde, bis ihm ein Parteifreund steckte, dass der größte lebende Organismus der Welt das Great Barrier Reef ist. Westerwelle hat keine Laster außer dem einen, immer an der Macht, immer in der Mitte und immer an der Spitze zu sein. In der Mitte ist es am schönsten, klar, aber die Mitte hat keine Spitze. Dieses Laster ist ihm wichtiger als seine Freunde, wie er in den Koalitionsverhandlungen Ende letzten Jahres eindrucksvoll bewiesen hat. Sein Stil hat eine neue Form des Moralisierens in der deutschen Politik etabliert. Eine Strebermoral: Ich bin ohne Schuld, meine Absichten sind koscher und eure Angriffe sind der hämische Versuch mich mit unlauteren Mitteln unterzubuttern. Alles was nicht seinen Zielen dient, was nicht seiner Entourage zum Besten gereicht, ist per se unlauter. Westerwelle wuchs mit drei Brüdern bei seinem alleinerziehenden Vater auf, mit Argumenten kommt man in einem solchen, wohl eher hormongesteuerten Umfeld nicht weit, mit Posing schon. Diese Mischung aus früher Prägung und bedingungsloser Selbstbezogenheit ist schon einzigartig in der deutschen Politikerklasse. Wir erwägen deshalb, Guido Westerwelle der UNESCO für die Ernennung zum Weltkulturerbe vorzuschlagen, und seine Wohngemeinschaft mit seinem Vater und den drei Brüdern nachträglich mit der Auszeichnung als Biosphärenreservat zu adeln. Ein Biosphärenreservat ist ein Schutzgebiet, das für die jeweilige Vegetationszone repräsentativ ist oder eine Besonderheit aufweist. So weit, so gut.
Fehler in Phase 3
Bisher konnte man Westerwelle mit viel Nachsicht noch Solipsismus unterstellen und seine Partei als Spaßpartei abtun, doch nun melden sich die Opfer. Seine Opfer sind seine Wähler, also jene die 2009 in einem religiösem Akt FDP gewählt haben. Um das zu verstehen muss man den französischen Philosophen und Sprachwissenschaftler Roland Barthes bemühen, dem zufolge ein religiöser Akt immer aus drei Phasen besteht: Erwartung, Suggestion, Initiation. FDP-Wähler kamen sich seit 1998 immer etwas unter den Rädern der großen Volksparteien vor, hatten also die Erwartung, mit einer FDP-Regierungsbeteiligung würde ihre sozioökonomische Nische wieder mehr den deutschen Alltag bestimmen. Fette Steuernachlässe, weniger Sozialstaat und mehr Jetset waren die suggestiven Versprechen der Partei vor der Wahl, die auf pseudolässigen, an Scientology-Versammlungen gemahnenden Parteitagen und Wahlkampfauftritten eingeübt wurden und so nach und nach ins Wählerhirn diffundierten. Vergessen hat der Häuptling W. allerdings die dritte Phase des religiösen Akts, die Initiation. Initiation erfordert die Nähe zum Angebeteten. Die wäre nach der Wahl angestanden und hätte in der Beteiligung der Wählerschaft an den Reisen als Außenminister bestehen können und natürlich in der Umsetzung der Versprechen. Hier bricht also die Gefolgschaft, große Wählergruppen erkannten plötzlich, dass sie nur Stimmvieh für W‘s Soloshow waren. Nun brennt die Hütte, die Umfragen sind mau, die FDP ist innerhalb eines halben Jahres von 14,6% auf gute 7% abgerutscht und der Außenminister ist verdammt unbeliebt. Die Opfer klagen und die FDP hadert mit sich selbst. Kritik kommt aus den eigenen Reihen. Westerwelle besucht zwar Opfer in Afrika, aber seine eigenen lässt er hängen. An wen also können sich diese, vom Lauf der Welt und ihrer FDP betrogenen Individuen, diese Wahl-Opfer, diese Unternehmer-Bürger noch wenden?

Doch Hilfe naht
Der Weisse Ring ist eine in mehreren Ländern Europas tätige Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer und ihre Angehörigen. Er wurde 1976 in Deutschland von dem Fernsehjournalisten Eduard „Ganoven-Ede“ Zimmermann (Aktenzeichen XY) und dem Oberstaatsanwalt Hans Sachs gegründet. Wie es bei sehr vielen gemeinnützigen Vereinen der Fall ist, prägt die Geisteshaltung und das Weltbild der Gründer das ganze Unterfangen. So hat der Weisse Ring die bürgerlichen Wertvorstellungen Zimmermanns übernommen, insbesondere dessen Vorstellungen von Recht und Ordnung, die er jahrzehntelang im Subtext seiner Einspielfilmchen in deutschsprachige Wohnzimmer getragen hat. Opfer waren bei ihm immer unbescholtene Bürger in Arbeit, mit geklärtem Ehestand und einer Wirtschaftswundermentalität, die das hart arbeitende Individuum mit Aufstieg, Wohlstand und sozialer Akzeptanz belohnt. Die Verbrecherseite war ähnlich idealisiert, wenn auch mit negativer Konnotation: Ede’s Täter waren immer dunkle Gestalten, mit verwahrlosten Familienhintergründen und, wenn möglich, mit südeuropäischen Charakterzügen. Diese simple Dichotomie führte vor allem beim jüngeren Publikum zu konträren Rezeptionsergebnissen: Die in den Einspielfilmchen gezeigten Täter wurden als Anti-Helden gefeiert und die Opfer als trockene Langweiler, ja als duckmäuserische Spießbürger wahrgenommen, die sich im nunmehr demokratischen, pluralistischen Alltag nicht zurecht finden und daher an überkommenen Wertvorstellungen festhalten. Ede’s Opfer lebten immer auf der Rückseite der Moderne. Der Weisse Ring kümmert sich um genau diese Klientel, Menschen die Opfer eines Verbrechens werden und sich dies nicht erklären können, da sie schon vor dem Schicksalsschlag Opfer ihrer Geisteshaltung waren. Daher ist diese Hilfsorganisation wie geschaffen für angefressene FDP-Wähler, die von einer heilen, steuerbefreiten Welt geträumt haben und nun, vollkommen traumatisiert, mit einer stagnierenden Regierung leben müssen, die eigentlich eine Nichtregierungsorganisation ist; Die nun mit einem Westerwelle vorlieb nehmen müssen der wirkt, als verschenke er und dabei nur nimmt. Der FDP-Chef hat im letzten halben Jahr mehr Lilien, Nelken und Chrysanthemen geschaffen als Gott. Wer jüngst gesehen hat, wie er in Pretoria eine Rede hielt, während in Deutschland seine Prognose-Werte einbrachen, muss uns beipflichten: Der 7%-Guido sieht jetzt aus wie ein Windspiel im Sakko.
Hansjörg Fröhlich
Hansjörg Fröhlich