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Archiv für die Kategorie ‘Brise’

Ein weiterer Eintrag im Schwarzen Album

14. September 2011

Der britische Künstler und Grafiker Richard Hamilton ist tot. Er galt als einer der Väter der Pop-Art. Von 1948 bis 1951 studierte er Malerei an der Slade School of Fine Arts und begann seine Karriere mit Zeichnungen, die er angeregt durch den Roman Ulysses von James Joyce fertigte. Im Jahr 1956 präsentierte Hamilton in der Whitechapell Art Gallery die zukunftsweisende Ausstellung „This is Tomorrow“. Mit der kleinen Collage „Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?(1956)“ kreierte er eine Ikone der Pop Art – also lange vor Andy Warhol und Rauschenberg. Fotografien, Plakate, Fernsehspots und Kitsch-Gegenstände schlachtete er als Rohstoff aus und folgte damit seinem großen Vorbild Marcel Duchamp mit dem er 1967 für Sieves zusammenarbeitete und dessen Retrospektive er 1966 für die Tate Galley organisierte. Der 1922 in London geborene Schildkappenträger schuf aber auch Gemälde und Skulpturen, gestaltete zudem das Cover für das 1968 erschienene White Album der Beatles. Eine Kontroverse löste Hamilton vor wenigen Jahren aus, als er den damaligen britischen Premierminister Tony Blair in seinem Bild Shock and Awe (2007) mit Cowboy-Shirt und Waffengürtel auf dem Weg in den Irak-Krieg zeigte. Der Turner-Preisträger und zweimalige documenta-Teilnehmer galt als Künstler-Künstler: Andere nahmen seine Ideen auf, entwickelten sie weiter, bezogen sich auf ihn. Richard Hamilton wurde von vielen Kollegen, darunter auch Andy Warhol, Dieter Roth (mit dem er 1978 zusammenarbeitete) oder Joseph Beuys, hochgeschätzt. Sein Credo war: “Ich lehne die Vorstellung ab, dass es in der Kunst darum geht, einen Stil zu haben. Stil interessiert mich nicht. Der Stil sollte sich eher an das Subjekt anpassen, als andersherum.” Stillos war nun auch sein Tod. Mitten in den Vorbereitungen zu einer großen Retrospektive seines Lebenswerks, starb Hamilton am Dienstag dieser Woche nach kurzer Krankheit. R.I.P.

Hansjörg Fröhlich

Kunst als Gehhilfe

30. Juli 2011

Dem Programm des zweifellos ambitionierten ostösterreichischen Fernsehsenders bkf zufolge, hat sich im ebenfalls österreichischen Oberwart (PLZ 7400) ein Kunstmessias eingerichtet, der “absolut konsequent seinen Weg geht” und der nicht “um jeden Preis gefallen möchte”. Nun ist ein Messias, der nicht gefallen möchte an sich schon eine Seltenheit, zumal in Österreich, doch Christian Kammerhofer, so der Klarname des Weltenretters, geht noch weiter, er zeigt “Ecken und Kanten” und will mit seiner Kunst “akzeptiert werden”. Seine in der Reportage gezeigten Werke sind durchweg indiskutabel, einfallslos und entbehren jeglicher Handschrift. Der Messias Kammerhofer selbst lugt unter einem grauen Fischerhütchen hervor, wie ein Lurch, der gerade erfahren hat, dass er auf die Liste der bedrohten Tierarten aufgenommen wurde. Mit der Ambivalenz dieser prekären Situation – einerseits wurde er aus der Masse von Kunstlurchen vom “Burgenland Fernsehen” ausgewählt und somit einer gewissen Prominenz zugeführt, andererseits besteht der Grund für diese Erwählung in der Tatsache, dass seine Art der Existenz offensichtlich einer Bedrohung unterliegt – kommt Kammerhofer in dem zweiminütigen Einspieler nicht zurecht und versucht sich mit belanglosem Lurchsprech aus der Affäre zu ziehen.

Wieder erweist sich die Entscheidung, auch als vollkommen ahnungs- und planloser TV-Sender, alle klassischen Ressorts abzudecken als Ärgernis. Könnte bkf statt ihrer Kulturreportage nicht einfach zwei Minuten früher Schluss machen?

Aus Dokumentationszwecken hier der Orginalbeitrag:

Schön auch die Abmoderation von Harald Kuchwalek: “Das wars vom Aktuell-Block!”

Der Vollständigheit halber hier noch Kammerhofers Website:

http://www.kammerhofer-christian.com/

Hansjörg Fröhlich

eins und eins = zwei

24. Juli 2011

Innerhalb von 48 Stunden wurden in Nord-Londoner Wohnungen zwei reglose Körper gefunden. Der eine war ausgezehrt, alt und berühmt und gehörte Lucien Freud, der andere war ausgemergelt, jung und berühmt und hörte auf den Namen Amy Winehouse. Kann dies Zufall sein?

Wer binnen 48 Stunden die beste Verschwörungstheorie als Kommentar postet, bekommt den sonnendeck-Preis für Rituelle Realität.

1. Preis: Der Preisträger erhält ein Gratis-Portrait – ausgeführt als liegender Akt – das ihn 35 kg schwerer erscheinen lässt, als er tatsächlich ist. Gemalt von einem Künstler, der das Vertrauen der sonnendeck-Redaktion genießt.

2. Preis: Der Preisträger erhält einen Gratis-Skandalauftritt auf der Bühne eines Belgrader Konzerthaus’, den er nach dem Konsum von gravierenden Mengen hochwirksamer Narkotika, nebst 2 Liter Vodka (Kosten trägt die sonnendeck-Redaktion) vor einen gröhlenden Menge nationalistisch aufgeputschter Serben absolvieren darf.

3. Preis: Der Preisträger erhält einen Porsche Cayenne. 

Einsendungen bitte in den nächsten 48 Stunden.

Ein Doppelnachruf folgt nach Bekanntgabe der Gewinner.

Hansjörg Fröhlich

Tod eines Kritzlers

6. Juli 2011

Gestern ist im Alter von 83 Jahren der us-amerikanische Künstler Cy Twombly gestorben. Der seit 1957 in Rom Ansässige hat wie kaum ein anderer zeitgenössischer Künstler das Klecksen und Kritzeln zu seinem Markenzeichen gemacht und sah sich daher Zeit seines Lebens den Angriffen der “das kann ich auch/das ist doch keine Kunst”-Fraktion ausgesetzt. Twombly hat wie ein Magnet alle Ressentiments, die eine formkonservative Bürgergesellschaft gegenüber expressionistischen Neuströmungen pflegt, auf sich gezogen. Er war ein Märtyrer. Geboren im US-Staat Virginia, galt seine Liebe gleichwohl (oder folgerichtig) dem Alten Europa – dem deutschen Expressionismus und dem griechisch-römischen Kulturerbe. Nach langen Reisen mit Freund Robert Rauschenberg durch Nordafrika und Europa ließ sich Cy 1957 in Rom nieder, dem Gravitätszentrum der europäischen Antike. Als seine Generation schon längst Riesenerfolge feierte, blieben bei Twombly die Schecks aus, die Konten leer. Er war das traurige Entlein unter divenhaften Schwänen und polternden Pfauen. Erst in den letzten Jahren erhielt der Stoiker gewisse marktechnische Anerkennung und verkaufte oberhalb der 5-Mio-$-Marke. Für sein letztes Werk “The Ceiling” (2010) - die Übermalung von 400 qm Deckenfläche im Louvre zu Paris – wählte Cy die Farbe der Unendlichkeit, Blau, und lockerte mit gefüllten Kreisen (Planeten?) in Weiß und Ocker auf. Die Randbereiche der Decke sind mit den Namen antiker Baumeister in griechischen Schriftzeichen bedeckt, die die Gesamtwirkung ein wenig ins ikonenhafte, archaisch-religiöse rücken. Für diese Arbeit wurde der abstrakte Expressionist Twombly zum Ritter der französischen Ehrenlegion geschlagen, man kann sich seine Genugtuung lebhaft vorstellen – endlich war er (alter) Europäer. Gestern, nun, hat ihn der Krebs dahingerafft. Er starb - mit Blick aufs Meer - im Zentrum (s)einer untergegangenen Welt, in Rom. R.I.P.

Hansjörg Fröhlich

was soll die sonne auch sonst tun?

29. Juni 2011

Alt und Jung vereint – Bewegungsstudien in einem fensterlosen Raum: CARIBOUs “Sun”

 

she would rather “leave the sun for the rain”:

 

und wieder liegen die schatten der ferienflieger wie hühneraugenpflaster auf der stadt:

und huschen benzinkäfer über die straßen:

BONUS:

eine kurze geschichte der raumfahrt (und der hutmode):

unbedingt im vollbild-modus anschauen

Hansjörg Fröhlich

Gefährlicher Darmkeim

8. Juni 2011

Ehec-Gurke in Magdeburg entdeckt

 

 

Gurke, Wurst, Banane – alles egal:

 

Hansjörg Fröhlich

Houellebecq im Mozartsaal 07042011

8. April 2011

er kam ohne hund, hielt seine kippe aber immer noch in dieser unvergleichlichen art

lesung war gut, er hat immer noch diesen belegten ton und den mäandernden sprachfluss.

das frage-antwortspiel hat er gekonnt sabotiert und dafür weitere stellen aus seinen buch gelesen und kommentiert.

publikum war entäuschend, keiner der leute die ich erwartet habe waren da, keiner von den kunstfuzzies, obwohl die hauptfigur des romans ein künstler ist und viele dialoge darin von kunst und ihren (un)möglichkeiten handeln. ein künstlerroman, ein krimi und ein abgesang auf europa ist das. noch vor ende der veranstaltung verlassen gut ein viertel des publikums den mozartsaal. scheiss europäer.

tant pis

Hansjörg Fröhlich

Das Windspiel im Sakko – ein Rückblick

4. April 2011

Im Mai 2010 veröffentlichte das sonnendeck folgenden Artikel, den wir aus gegebenem Anlass hier nochmals wiedergeben:

In der Mitte ist es am schönsten

Es ist immer hart mit der Wahrheit zu leben, vor allem wenn man sich am Gipfel wähnte. Guido Westerwelle hat alles gegeben und noch viel mehr genommen, um seine Wunschkoalition, seine politische Traumehe zu schließen. Er hat seine Partei, die FDP, so lange umgeformt, neupositioniert und runter destilliert, bis von der Partei nichts mehr übrig war. Die FDP ist heute nur noch eine umgangssprachliche Bezeichnung für IHN, Westerwelle. Das Programm der neoliberalen Partei heißt: Hauptsache Guido. Die Feinde der FDP sind die Feinde ihres Bundesvorsitzenden – selbständig denkende Parteimitglieder, auch Mandatsträger, wurden vom 15%-Guido zur puren Staffage reduziert. Rainer Brüderle, ein Silberrücken der Partei, wurde mit dem Wirtschaftministerium abgespeist und gibt seither Ruhe, Dirk Niebel hat Westerwelle an der Spitze des Entwicklungsministeriums positioniert, um den Zugriff der Industrie und der Bundeswehr auf den Etat des Ressorts zu sichern. Frohgemut, umgeben von einer Entourage aus Wirtschaftsvertretern und anderen Lobbyisten, reist Guido als Außenminister durch die Welt und lässt alle wissen, wie wichtig und selbstgerecht er ist. Wenn er in Paris nächtigt, lässt er seine Hemden in London waschen und bügeln, das macht ihn etwas unberechenbar für seine EU-Kollegen, daher eilt ihm der Ruf der Unstetheit voraus, doch das stört ihn nicht, denn lustig ist das Vagabundenleben.

Nur ein Laster

Bis vor kurzem sah er sich an der Spitze der Welt, sah sich als größter lebender Organismus der Erde, bis ihm ein Parteifreund steckte, dass der größte lebende Organismus der Welt das Great Barrier Reef ist. Westerwelle hat keine Laster außer dem einen, immer an der Macht, immer in der Mitte und immer an der Spitze zu sein. In der Mitte ist es am schönsten, klar, aber die Mitte hat keine Spitze. Dieses Laster ist ihm wichtiger als seine Freunde, wie er in den Koalitionsverhandlungen Ende letzten Jahres eindrucksvoll bewiesen hat. Sein Stil hat eine neue Form des Moralisierens in der deutschen Politik etabliert. Eine Strebermoral: Ich bin ohne Schuld, meine Absichten sind koscher und eure Angriffe sind der hämische Versuch mich mit unlauteren Mitteln unterzubuttern. Alles was nicht seinen Zielen dient, was nicht seiner Entourage zum Besten gereicht, ist per se unlauter. Westerwelle wuchs mit drei Brüdern bei seinem alleinerziehenden Vater auf, mit Argumenten kommt man in einem solchen, wohl eher hormongesteuerten Umfeld nicht weit, mit Posing schon. Diese Mischung aus früher Prägung und bedingungsloser Selbstbezogenheit ist schon einzigartig in der deutschen Politikerklasse. Wir erwägen deshalb, Guido Westerwelle der UNESCO für die Ernennung zum Weltkulturerbe vorzuschlagen, und seine Wohngemeinschaft mit seinem Vater und den drei Brüdern nachträglich mit der Auszeichnung als Biosphärenreservat zu adeln. Ein Biosphärenreservat ist ein Schutzgebiet, das für die jeweilige Vegetationszone repräsentativ ist oder eine Besonderheit aufweist. So weit, so gut.

Fehler in Phase 3

Bisher konnte man Westerwelle mit viel Nachsicht noch Solipsismus unterstellen und seine Partei als Spaßpartei abtun, doch nun melden sich die Opfer. Seine Opfer sind seine Wähler, also jene die 2009 in einem religiösem Akt FDP gewählt haben. Um das zu verstehen muss man den französischen Philosophen und Sprachwissenschaftler Roland Barthes bemühen, dem zufolge ein religiöser Akt immer aus drei Phasen besteht: Erwartung, Suggestion, Initiation. FDP-Wähler kamen sich seit 1998 immer etwas unter den Rädern der großen Volksparteien vor, hatten also die Erwartung, mit einer FDP-Regierungsbeteiligung würde ihre sozioökonomische Nische wieder mehr den deutschen Alltag bestimmen. Fette Steuernachlässe, weniger Sozialstaat und mehr Jetset waren die suggestiven Versprechen der Partei vor der Wahl, die auf pseudolässigen, an Scientology-Versammlungen gemahnenden Parteitagen und Wahlkampfauftritten eingeübt wurden und so nach und nach ins Wählerhirn diffundierten. Vergessen hat der Häuptling W. allerdings die dritte Phase des religiösen Akts, die Initiation. Initiation erfordert die Nähe zum Angebeteten. Die wäre nach der Wahl angestanden und hätte in der Beteiligung der Wählerschaft an den Reisen als Außenminister bestehen können und natürlich in der Umsetzung der Versprechen. Hier bricht also die Gefolgschaft, große Wählergruppen erkannten plötzlich, dass sie nur Stimmvieh für W‘s Soloshow waren. Nun brennt die Hütte, die Umfragen sind mau, die FDP ist innerhalb eines halben Jahres von 14,6% auf gute 7% abgerutscht und der Außenminister ist verdammt unbeliebt. Die Opfer klagen und die FDP hadert mit sich selbst. Kritik kommt aus den eigenen Reihen. Westerwelle besucht zwar Opfer in Afrika, aber seine eigenen lässt er hängen. An wen also können sich diese, vom Lauf der Welt und ihrer FDP betrogenen Individuen, diese Wahl-Opfer, diese Unternehmer-Bürger noch wenden?

Doch Hilfe naht

Der Weisse Ring ist eine in mehreren Ländern Europas tätige Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer und ihre Angehörigen. Er wurde 1976 in Deutschland von dem Fernsehjournalisten Eduard „Ganoven-Ede“ Zimmermann (Aktenzeichen XY) und dem Oberstaatsanwalt Hans Sachs gegründet. Wie es bei sehr vielen gemeinnützigen Vereinen der Fall ist, prägt die Geisteshaltung und das Weltbild der Gründer das ganze Unterfangen. So hat der Weisse Ring die bürgerlichen Wertvorstellungen  Zimmermanns übernommen, insbesondere dessen Vorstellungen von Recht und Ordnung, die er jahrzehntelang im Subtext seiner Einspielfilmchen in deutschsprachige Wohnzimmer getragen hat. Opfer waren bei ihm immer unbescholtene Bürger in Arbeit, mit geklärtem Ehestand und einer Wirtschaftswundermentalität, die das hart arbeitende Individuum mit Aufstieg, Wohlstand und sozialer Akzeptanz belohnt. Die Verbrecherseite war ähnlich idealisiert, wenn auch mit negativer Konnotation: Ede’s Täter waren immer dunkle Gestalten, mit verwahrlosten Familienhintergründen und, wenn möglich, mit südeuropäischen Charakterzügen. Diese simple Dichotomie führte vor allem beim jüngeren Publikum zu konträren Rezeptionsergebnissen: Die in den Einspielfilmchen gezeigten Täter wurden als Anti-Helden gefeiert und die Opfer als trockene Langweiler, ja als duckmäuserische Spießbürger wahrgenommen, die sich im nunmehr demokratischen, pluralistischen Alltag nicht zurecht finden und daher an überkommenen Wertvorstellungen festhalten. Ede’s Opfer lebten immer auf der Rückseite der Moderne. Der Weisse Ring kümmert sich um genau diese Klientel, Menschen die Opfer eines Verbrechens werden und sich dies nicht erklären können, da sie schon vor dem Schicksalsschlag Opfer ihrer Geisteshaltung waren. Daher ist diese Hilfsorganisation wie geschaffen für angefressene FDP-Wähler, die von einer heilen, steuerbefreiten Welt geträumt haben und nun, vollkommen traumatisiert, mit einer stagnierenden Regierung leben müssen, die eigentlich eine Nichtregierungsorganisation ist; Die nun mit einem Westerwelle vorlieb nehmen müssen der wirkt, als verschenke er und dabei nur nimmt. Der FDP-Chef hat im letzten halben Jahr mehr Lilien, Nelken und Chrysanthemen geschaffen als Gott. Wer jüngst gesehen hat, wie er in Pretoria eine Rede hielt, während in Deutschland seine Prognose-Werte einbrachen, muss uns beipflichten: Der 7%-Guido sieht jetzt aus wie ein Windspiel im Sakko.

Hansjörg Fröhlich

Hansjörg Fröhlich