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Archiv für die Kategorie ‘Landgang’

Berliner Fotokunst im IMPERFEKT: Die Kunsthalle Tübingen zeigt Thomas Florschuetz

15. Juli 2010

Nach der Pop Art Mel Ramos’ im Winter und Karin Kneffels Malereien im Frühling, hat die Kunsthalle Tübingen im Sommer und Herbst ihre Räume der Fotografie geöffnet. Statt Düsseldorfer Becher-Schule und Namen wie Gursky, Ruff oder Höfer gibt es hier einen Autodidakten zu sehen, der sich in den 80er Jahren durch die Berliner Kunstszene experimentierte und trotzdem beim Europäischen Preis für Fotografie in Frankfurt am Main ankam.

Helikopter, ein Bündel brauner Bananen, eine Rote-Beete-Knolle, ein kopfloses Reiterstandbild und ein Eselskopf: Florschuetz schert sich bei der Anordnung seiner Bilder nicht um inhaltliche Stringenz. Seine Werke erzählen von Architektur und deren Umgebung; von Schärfe, Unschärfe und Spiegelung. Die Fotografien sind großformatig aufgezogen, die Kunsthalle Tübingen zeigt insgesamt 95 davon. Geöffnet ist die Ausstellung vom 17. Juli bis zum 26. September, Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr.

Arnika Fürgut

Die Kunstschau des Sommers: LEINZELL OPEN xx|x

29. Juni 2010

Ein Schlossherr mit einer Schwäche für Kunst findet eine ehemalige Wasserburg im Ostalbkreis von Schwäbisch-Gmünd. Zusammen mit jungen Kuratoren aus dem Süddeutschen Raum entsteht aus dieser Kombination 2005 zum ersten Mal die LEINZELL OPEN: Eine Kunstschau junger Kunstakademieabsolventen und etablierter Künstler in den steinigen Mauern des Leinzeller Schlosses. Für die Schau in diesem Sommer konnten die Kuratoren 25 Künstler für die LEINZELL OPEN gewinnen, darunter Rainer Ganahl, die Künstlergruppe der Filderbahnfreunde Möhringen und die Berliner Fotografin Susa Templin. Werke von Wolf Pehlke, der vor kurzem erst für den Oberrheinischen Kunstpreis ausgesucht wurde, werden ebenfalls zu sehen sein.

Die junge Generation der frischen Akademieabsolventen wird durch Jan Löchte, der gerade erst seine Debütausstellung im Neubau der Stuttgarter Kunstakademie zeigte, Robert Matthes und Michael Stolz vertreten. Internationale Gäste sind vor allem der poetisch arbeitende New Yorker Künstler Alex Jovanovich und der israelische Video-Künstler Gilad Ratman.

Die Räumlichkeiten des Schlosses werden bis zum 8. August jeden Sonntag von 13 bis 18 Uhr und nach Absprache geöffnet sein.

Arnika Fürgut

SHOW ME WHAT YOU GOT

15. Juni 2010

Eine Yacht im Hafen von St. Tropez, eine Ferienvilla in Californien oder vielleicht ein vergoldetes Pony für die Enkelin – all das könnte Peter Schaufler, ehemaliger Geschäftsführer und Senator der Firma Bitzer in Sindelfingen, kaufen und besitzen (…und besitzt es vielleicht auch). Und doch: Er sagt, er bleibt Schwabe. Er investiert in Kunst und baut sich still und heimlich eine ehemalige Lager- und Produktionsstätte im Industriegebiet Sindelfingen in einen Museumspalast um. Besser: Er lässt umbauen. Statt Stararchitekten wurden befreundete Stuttgarter beauftragt, denn “…das Schönste muss ja nicht immer Teuerste sein.”. Nicht nur diese sympathische Bodenhaftung und sein neu verliehenes Bundesverdienstkreuz lockten das sonnendeck in die noch unbetretenen heiligen Hallen des SCHAUWERKS. Wie es dort war, welche Künstler in Schauflers Sammlung vertreten sind und was das Ganze mit dem Weg in die Unendlichkeit zu tun hat, kann in der Juli/August Ausgabe nachgelesen werden.

Arnika Fürgut

Kataloge für umme

30. Mai 2010

Die Kunsthalle Wien hat ein Herz für Leecher und stellt in ihrer Mediazone seit letzter Woche 430 Audio- und Videofiles zum Download bereit. Neben den Videos, Kunstgesprächen und Interviews gibt es für umme sämtliche seit 2001 erschienenen Kataloge als PDF. Schöne Sache. Das sonnendeck empfiehlt neben Punk und Porno auch und besonders die Werke aus der Sammlung von Dakis Joannou.

Michael Reuter

Jakobsweg auf Japanisch

11. Mai 2010

Mit dem Ausbau des Straßennetzes während der Edo-Zeit (1603-1867) wurde es auch für den Japaner von nebenan leichter, auf Schusters Rappen das Land zu entdecken. Wer nicht dienstlich unterwegs war, gab als Grund für die Reise das eigene Seelenheil an. Für eine Pilgerreise stellte die Tempel- und Schreinverwaltung gerne die nötigen Papiere aus und durch ausreichende Verpflegungs- und Übernachtungsmöglichkeiten entlang der Strecke mussten die Reisenden auch nicht mehr um Leib und Leben fürchten.

Der Tōkaidō („östlicher Seeweg“) wurde in der Edo-Zeit zur wichtigsten Handelsstraße innerhalb Japans und verband Edo (das heutige Tōkyō) mit Kyōto. Die zunehmende Reisetätigkeit rief nicht nur fliegende Händler auf den Plan, sondern auch Kartographen, Schriftsteller, Maler und Zeichner. Zahlreiche Bildserien der 53 Stationen des Tōkaidō wurden veröffentlicht und fanden reißenden Absatz. Die farbigen Holzdrucke funktionierten für die begeisterten Käufer wie ein illustrierter Reiseführer, für den heutigen Betrachter sind die Hochdrucke “einzigartige Kaleidoskope nicht nur der japanischen Landschaft, sondern gleichzeitig auch des Edo-zeitlichen Lebens”. (Susanne Germann)

In der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen sind neben zahlreichen anderen Drucken der Edo-Zeit auch die Tōkaidō-Bildserien der ukiyo-e Ausnahmekünstler Andō Hiroshige (1797–1858) und Katsushika Hokusai (1760–1849) zu sehen. Ein Besuch lohnt sich. Die Holzdrucke haben nichts von ihrer Faszination eingebüßt.

Michael Reuter

Das schönste Schwarz der Welt …
… in der Städtischen Galerie Albstadt noch bis 06. Juni

3. Mai 2010

Ein bisschen Interesse für künstlerische Drucktechniken sollte der Betrachter schon mitbringen, um die Ausstellung Schwarze Kunst – Geheimnis, Faszination und Sinnlichkeit einer Drucktechnik genießen zu können. Mit Schwarzer Kunst ist das Mezzotintoverfahren gemeint, das im 17. Jahrhundert entwickelt wurde und sich, anders als etwa der Holzschnitt oder der Kupferstich, sogar mit einem namentlich bekannten Erfinder schmücken kann. Der Adlige Ludwig von Siegen hatte 1642 die zündende Idee, eine Kupferplatte vor der weiteren Bearbeitung komplett aufzurauen – zumindest datiert das erste bekannte Blatt, ein Porträt der Landgräfin Elisabeth von Hessen-Kassel, aus diesem Jahr. Diese Granierung wurde am Anfang mit Zacken- oder Spornrädchen angelegt, die in verschiedenen Richtungen über die Platte geführt wurden. Ein ziemlich mühseliger Vorgang, der je nach Größe der Platte mehrere Tage bis Wochen in Anspruch nehmen konnte, bis diese möglichst vollständig und vor allem gleichmäßig aufgeraut war.

Ohne weitere Veränderungen würde die Platte eine komplett schwarze Fläche drucken. Durch Glättung des Rasters kann der Künstler nun weiche, malerische Effekte mit vielen Zwischentönen herausarbeiten; deshalb wird die Technik auch als Schabkunst bezeichnet. Es wird aus dem Dunkeln ins Helle gearbeitet. Beim Kupferstich oder der Radierung müssen Flächen, die im Druck dunkel erscheinen sollten, schraffiert oder gepunktet werden. Hier arbeitet der Stecher vom Hellen ins Dunkle.

Standen am Anfang überwiegend Porträtbilder, erkannten die experimentierfreudigen Künstler schnell, dass sich die Schwarze Kunst auch prima für die Reproduktion von Gemälden eignete. Nach dem Export der Technik nach England durch den adligen Maler Prinz Ruprecht von der Pfalz erreichte das Mezzotinto dort als English manner im 18. Jahrhundert den Höhepunkt seiner Beliebtheit.

Wer intensiver in die Materie einsteigen will, dem sei der umfangreiche Katalog empfohlen, der zum Standardwerk für Tiefdruck-Freaks avancieren dürfte. Die zentralen Textbeiträge stammen vom Künstlerehepaar Martina AltSchäfer und Bernd Schäfer, das in jahrelangem Engagement Geschichte und Technik des Mezzotintos aufarbeitete.

Die Städtische Galerie Albstadt zeigt die Entwicklung der Schabkunst von den Anfängen bis zur Gegenwart, denn auch zeitgenössische Künstler haben sich in der Technik erfolgreich ausprobiert. Hier zeigte sich die graphische Sammlung der Galerie mal wieder als ergiebige Fundgrube. Arbeiten von Martina AltSchäfer, Wolfgang Gäfken, Alfred Hrdlicka und anderen zeigen, was man alles mit Schaber und Polierstahl anstellen kann.


Zur Europäischen Nacht der Museen am 15. Mai findet ab 18 Uhr ein Künstlergespräch an der Tiefdruckpresse mit Martina AltSchäfer, Udo Claaßen, Wolfgang Gäfgen und Bernd Schäfer statt und zum Internationalen Museumstag am 16. Mai ist der Eintritt frei.

Michael Reuter

Sicher am Berg

19. April 2010

Der deutsche Expressionist Ernst Ludwig Kirchner fand 1918 in der höchstgelegenen Stadt Europas einen vergänglichen Frieden. Zwanzig Jahre später beschloss er, Zuflucht an einen noch höher gelegenen Ort zu suchen: Kurz vor 10 Uhr am Morgen schoss er sich mit einer Browning zweimal in die Brust.


Schön ist sie gewesen, die Schweizer Bergwelt im Jahr 1920 rund um den schon damals beliebten Luftkurort Davos. Das Gras war grün, die Bauern knorrig, die Kühe willig und die romantisierende Sehnsucht abgestumpfter Großstadtbewohner nach dem echten Leben auf dem Lande genauso fragwürdig wie in heutiger Zeit. Besonders heftig erwischte es Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), deutscher Expressionist und Gründungsmitglied der Künstlergruppe Brücke . Als er sich 1915 als Freiwilliger zum Militär meldete, war die Brücke bereits Geschichte und Kirchner hatte in den letzten beiden Jahren seine berühmten Berliner Großstadtbilder gemalt. Gut bekommen ist ihm der Dienst in der Mansfelder Feldartillerie in Halle an der Saale nicht; ein Jahr später landete er, seelisch und körperlich am Ende, drogenabhängig und mit Lähmungserscheinungen erstmals in Davos, um sich auszukurieren. Nach zwei Wochen Zähneklappern in klirrender Kälte verließ er fluchtartig die Bergwelt, aber bereits 1918 ließ er sich für den Rest seines Lebens dort nieder. „Ich bin froh und glücklich hier zu sein und zu bleiben. Hier kann ich wenigstens in den guten Tagen etwas arbeiten und ruhig unter diesen einfachen und guten Menschen sein. Ich habe mir hier in der Einsamkeit den Weg erkämpft, der mir eine Fortexistenz bei diesen Leiden ermöglicht. Meine Zeiten des Zirkus, der Kokotten und der Gesellschaft sind vorbei.“

In der Region gibt es gerade reichlich Gelegenheit, sich mit Kirchner zu beschäftigen. Neben einer großen Retrospektive im Städel Museum in Frankfurt zeigt die städtische Galerie Stihl Waiblingen in Kooperation mit dem Kirchner Museum Davos die Ausstellung Erlebnis der Berge, die sich auf grafische Arbeiten aus den zwanzig Jahren in der Schweiz konzentriert. Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt unter dem Titel Brücke Bauhaus Blauer Reiter 180 Werke aus der Sammlung des Unternehmers Max Fischer (1886-1975). Neben Arbeiten von Nolde, Munch, Beckmann, von Jawlensky, Schlemmer und Klee bilden die vielen Bilder von Kirchner einen deutlichen Schwerpunkt.

In Waiblingen sind rund hundert Exponate an dezent farbig gestalteten Wänden am Start: Sie bieten mit Themen wie „Bergleben“, „Porträt“ oder „Akt in der Landschaft“ einen unangestrengten Einblick in das grafische Werk Kirchners. In den ersten Schweizer Jahren widmete er sich fast ausschließlich den Motiven der Bergwelt und ihrer Bewohner. Hier schien er gefunden zu haben, wonach viele seiner von lebensreformerischen Vorstellungen durchdrungenen Malerkollegen immer gesucht hatten: Das einfache Leben im Rhythmus der Natur. Neben den Lithografien, Radierungen, Holzschnitten, Bleistift- und Kohlezeichnungen von mächtigen Berglandschaften, dunklen Wäldern und flinken Hirtenbengeln sind auch die ausgestellten Druckstöcke des Holzschnitts Kühe im Frühling von 19933/34 und die Radierplatte der Arbeit Bergwald von 1920 sehenswert.

Was der Ausstellung fehlt, ist ein wenig ungeschminkte Wirklichkeit als Gegengewicht zu Kirchners schwärmerischer Verklärung des Lebens am Berg. Der harte Arbeitsalltag jenseits perwollgewaschener Naturparadiesvorstellungen spricht zwar stellenweise aus den wettergegerbten Porträts, aber man merkt den Arbeiten Kirchners an, dass er nicht in der bäuerlichen Gesellschaft integriert war. „Ich habe nicht die Art, unter Menschen warm zu werden, (…) das ist Schicksal und vielleicht einer der schwersten Gründe, weshalb ich Maler wurde. Die Kunst ist ein guter Weg, seine Liebe zu den Menschen zu bezeugen, ohne sie zu incommodieren.“ Eine Fotografie zeigt den Künstler bei einer Tanzveranstaltung in seinem Haus. „In den letzten Tagen haben wir durch das Grammophon viel Besuch gehabt. Es wurde getanzt. Diese Naturkinder sind berauscht von der Musik. Ich werde interessante Sachen zeichnen können.“ Kirchner ist zwar dabei, steht aber abseits und wirkt eher wie ein freundlich gesinnter Ethnologe, der vorindustrielle Stammesriten betrachtet.

Michael Reuter

Essenz und Überfluss

13. April 2010

Merkwürdige Kontraste findet der interessierte Besucher auf dem Gelände der Firma Vitra in Weil am Rhein. Im Museum sind die 160 Objekte der Ausstellung Die Essenz der Dinge zu bewundern, ein paar Schritte weiter türmt sich der gigantische neue Vitra-Showroom der Star-Architekten Herzog und de Meuron. Auf vier Etagen plus Shop, Café und Business Lounge lassen sich alle Vitra-Möbel und Accessoires bewundern, direkt kaufen oder bestellen. Am Empfang bekommt der Besucher eine Chipkarte, die auf jeder Etage Zugang zum digitalen Katalog mit Produktinformationen und Preisen bietet. Auch eine Händleranfrage kann gleich abgesendet werden. Und das Gebäude … ein Wahnsinn! Crisis? What Crisis?

Nach einem Großbrand im Jahr 1981 entstand peu à peu ein beeindruckender Architektur-Campus mit dem Feuerwehrhaus von Zaha Hadid (1993), dem Konferenzpavillon von Tadao Ando (1993), dem Vitra Design Museum von Frank Gehry (1989) und schließlich dem neuen VitraHaus von Herzog und de Meuron (2010), um nur die Höhepunkte der kleinen und großen Architektenbauten auf dem Produktionsgelände zu nennen.

Nicht ganz so gelungen ist die Ausstellung Die Essenz der Dinge. Untersucht werden soll hier die Reduktion in der Gestaltung „unter ökonomischen, funktionalen, ästhetischen und ethischen Aspekten“. Damit machen die Kuratoren ein 5-Liter-Partyfass mit integriertem Zapfhahn auf, das glaubt, es wäre der Wiesn Anstich. Die Schau bietet vor allem eine Menge Stühle aus der riesigen Museumssammlung und Kleinzeugs von Sparschälern bis zum iPod, die alle zeigen sollen, das weniger mehr ist. (Der nagelneue und quietschgelbe Tata Nano soll hier natürlich nicht unerwähnt bleiben.) Funktioniert durchaus, aber nicht so richtig, denn ein Haufen Stühle bleibt ein Haufen Stühle, auch wenn er museal präsentiert wird und mit der Aura des „Originals“ oder gar des „Prototyps“ gehandelt wird, weil offensichtlich alt und angerostet.

Lassen sich die ökonomischen und funktionalen Aspekte eines Stapelstuhls oder eines IKEA-Regals noch einfach vermittlen, müssen sich die Kuratoren winden wie ein Python, um nicht in den Graben zwischen Luxusleere und blanker Not zu fallen. „Ob es sich um Luxus, Armut oder Askese handelt, um Verzicht als Variante des Überflusses, um Entbehrung, etwa unter Bedingungen der Haft, um Enthaltsamkeit als spirituelle Haltung im Kloster oder spartanische Strenge als totalitäre Unterdrückung – die Semantik reduzierter Formen ergibt sich vor allem aus dem Kontext, in dem sie uns erscheinen.“ Und dieser Kontext ist bei Vitra allemal der verschwenderische Luxus einer Möbelindustrie, die aus sich leisten kann, mehr auf das Autoren-Prinzip zu setzten als auf die pure Funktionalität. Bei Vitra kauft sich keiner einen Sessel, man kauft sich einen Eames, einen Le Corbusier oder einen Breuer. Da ist nichts gegen einzuwenden, aber der Besucher sollte keinen soziologischen Diskurs erwarten. Bei Vitra geht es immer um Schönheit, um Stolz auf das Erreichte (mit Recht) und ein bisschen Angeberei ist auch dabei (sei’s drum).



Michael Reuter