Archiv

Archiv für die Kategorie ‘Steuerbord’

Editorial: Feuer, Ausgabe 80, April 2010

1. April 2010

Liebe Leserinnen,  liebe Leser, Freunde des flammenden Infernos,

im leicht angestaubten US-Triller Sieben spricht sich der alternde Cop William Somerset seinen City-Blues von der Seele: „In Großstädten ist es üblich, dass sich kein Mensch um den Anderen kümmert. Bei der Selbstverteidigung wird Frauen beigebracht, nie um Hilfe zu rufen, wenn sie vergewaltigt werden, sondern ‚Feuer‘. Auf Hilfe reagiert keiner. Bei Feuer kommen sie gerannt.“

In unserer kleinen Reihe über die vier Elemente beschäftigt sich das sonnendeck im April mit eben diesem magischen Brennen, das wir gleichzeitig fürchten und wie hypnotisiert bewundern. Wir sind dankbar, dass die Malereiklasse von Holger Bunk an der Kunstakadmie Stuttgart sich spontan bereit erklärte, uns trotz eines vollen Terminkalenders bei der Illustration des Themas Feuer zu unterstützen.

Nachdem wir im März eine kontemplative Folge von Kunstwerken zum Thema Wasser der Klasse von Andreas Grunert im Heft hatten, die besonders vom Meer, von der Struktur der Wellen und ihren ornamentalen Möglichkeiten beeinflußt waren, erhofften und erwarteten wir nun, passend zum feurigen Element, ein drastisches Kontrastprogramm. Und tatsächlich, obwohl die angekündigten Variationen über Professor Bunk auf dem Scheiterhaufen leider doch nicht umgesetzt wurden, zeigt die Klasse ein breites Spektrum zum Element Feuer, das sich nicht in der Darstellung von züngelnden Flammen erschöpft, sondern auch mit der Farbe Rot oder dem Feuer der Leidenschaften spielt.

Oliver Feigls BRAVO-Fankarte von Joey Kelly, Ex-Teenischwarm, Marathonmann und Motivationstrainer von Schwergewicht Reiner „Calli“ Calmund, haben wir zunächst mal umgedreht, um über seine wilde Haarpracht dem Thema vielleicht näherzukommen. Auf Nachfrage erklärte Feigl jedoch, er habe das Thema Feuer eher als emotionalen Zustand gesehen, so in Richtung „Ich bin Feuer und Flamme für…!“ oder „Mein Herz ist entbrannt für …“. An sich nur ein Stück Papier, wird die Fankarte zum Stellvertreter der Person, und kann sowohl materiell als auch emotional einen großen Wert entwickeln.

Das ausgelassene Tänzchen der Frau auf dem Bild WW (HSC) von Alberto Zamora Ruiz erklärt sich nicht durch Emotionen, sondern durch eine beginnende spontane menschliche Selbstentzündung (engl. Spontaneous human combustion, SHC), einer urbanen Legende, die für den Betroffenen stets unschön endet, im Fall der älteren Dame aber die Rentenkasse schont. Was übrig bleibt, malt sich Alec Barth drastisch in seinem Werk breath in combust aus. Also nein, wirklich – genau so wollten wir es haben! Und wer mehr von Holger Bunks Eleven sehen möchte, sei an die Städtische Galerie Reutlingen verwiesen, die noch bis Anfang Mai plastische und raumbezogene Arbeiten der Klasse zeigt.

Und auch unser verschollen geglaubter Chefredakteur Hansjörg Fröhlich meldete sich per Dschungelfunk aus dem rauch- und rauschgeschwängerten Herz der Finsternis zurück, um uns aus dem fernen Indien in einer kurzen Phase geistiger Klarheit seine Ansichten zu den vier Elementen Wasser, Feuer, Erde, Luft kundzutun.

Hang loose, Alter, und pyromanische Grüße vom sonnendeck

Michael Reuter

Editorial: Wasser, Ausgabe 79, März 2010

1. März 2010

Liebe Leserinnen, liebe Leser, Freunde des tiefsten Grundes,

war ja wieder klar: Kaum verdünnisiert sich der Chefredakteur in den wohlverdienten Jahresurlaub, lassen die Hofschranzen die Netbooks fallen und suchen nach Möglichkeiten, den Arbeitspegel zu senken. Besser noch, erträumt sich das Rumpfteam beim abendlichen Schiffchenfalten, ein anderer würde die lästige Schreiberei erledigen, oder – Das wäre es doch! – gar nichts mehr schreiben, sondern das Heft kräftig bebildern. Schließlich sagt ein Bild ja bekanntlich mehr als tausend Worte und das sonnendeck ist als Kunstmagazin geradezu moralisch verpflichtet, nicht den Autoren sondern den Künstlern ein Forum zu bieten.

Nun lassen sich in der Regel vor den Redaktionsräumen keine größere Ansammlungen publikationswilliger Kreativer finden. Die wenigen Grafikmappen, die demütig an der verriegelten Tür hinterlegt werden, reichen gerade mal für eine Handvoll Schiffchen, und die paar Bildhauer vertreibt zuverlässig unser Pitbull „Hrdlicka“. Es half nichts, einer musste los, um Hilfe ersuchen im Adlerhorst der Kreativität, in der Brennkammer Stuttgarter Kunstproduktion, kurz: in der Kunstakademie auf dem Killesberg. Im Gepäck nur eine vage Idee, die alle Ismen der vergangenen Jahrhunderte hinter sich lassen und zum Grund menschlicher Erkenntnis zurückfinden sollte: die vier Elemente – Feuer, Wasser, Erde, Luft! Mehr…

Michael Reuter

Editorial: Phrasen in der Kunst, Ausgabe 78, Februar 2010

22. Januar 2010

archiv10022Liebe Leserinnen, liebe Leser, geneigte Phrasendrescher,

die endgeile Post-Punk-Combo The Fall veröffentlichte 1983 ein Album namens Perverted by Language und brachte damit schon in jenem ach so verwehten Spitzenjahrgangs-Weißweinsommer alles auf den “Funkt”: Wir sind durch Sprache zerrüttet, gemartert von bis zum Exzess wiederholten Floskeln, verblödet von Evokativen und letztlich in einem Meer von hohlen Phrasen ersoffen. Der smarten, zielführenden Kommunikation abhold, verflüchtigt sich der eigentlich angenehme Effekt einer Rede, Informationen zu übermitteln und Umstände abzubilden, in einen Orkus von Nonsens. Diese hinter hochtrabenden Formulierungen versteckten Gemeinplätze, Slogans oder Nichtigkeiten treten vermehrt dann auf, wenn es um die Beschreibung und Evaluierung von in ihrem Sinn und Wert nicht näher bestimmbaren Gütern, wie Zeichnungen von Cy Twombly und It-Bags geht.
Mehr…

Hansjörg Fröhlich

Editorial: Vorschau 2010. Ausgabe 77, Januar 2010

1. Januar 2010

PDF-Download der Ausgabe 77, Januar 2010Sehr geehrte Leserinnen, sehr geehrte Leser, geneigtes Wachstumsbeschleunigungsgesetz,

die Nullerjahre sind endlich vorbei – wahrlich ein Grund zum Feiern. Das vermaledeite Jahrzehnt begann mit 9/11, endete mit der Finanzkrise und schleppte auf dieser Strecke eine Menge nerviges bis amüsantes Treibgut mit sich. Die meistgestellte Fragefloskel „Alles gut?“ wurde mit dem inflationären „Nicht wirklich“ beantwortet. Das passte wunderbar zur Entwicklung des Virtuellen in den letzten zehn Jahren. Büros schrumpften auf Café-Tisch mit Blackberry-Größe, Partikel in Nanogröße brachten uns das erste schweißgeruchsfreie T-Shirt und Revolten, wie zuletzt im Iran, fanden im Twitter-Nachrichtenportal statt. Beim Public Viewing wurde das Stadion auf den Marktplatz geholt, der Buchladen, die Bank, der Flohmarkt, das Standesamt und die Krankenkasse, wurden in den Arbeitsspeicher unserer Notebooks verlegt, wir simsten und googelten, chatteten und bloggten, podcasteten und skypten uns die Welt zusammen, bis sie klein und handlich auf eine, sagen wir, 500 Gigabyte-Platte passt. Die Plattformen des Lebens bekamen klangvolle Namen wie Facebook, MySpace, Flickr, YouTube, wo jeder seine 500 Giga Lebensessenz ausbreiten darf, upload or vanish – wer nicht hochlädt, löst sich in Luft auf oder ist eigentlich schon tot. Alles wurde virtuell und end-mobil, die Nullerjahre waren unser Jahrzehnt to go. Mehr…

Hansjörg Fröhlich

Editorial: Religion, Ausgabe 76, Dezember 2009

1. Dezember 2009

PDF-Download der Ausgabe 76, Dezember 2009

Liebe Leserinnen, liebe Leser, geneigte Meditationsgruppe,

nur selten hat es während einer Heftproduktion in der Textredaktion derart auseinandergehende Meinungen und ausufernde Ratlosigkeiten zum Titelthema gegeben, wie zur vorliegenden Ausgabe Nr. 76 (ab sofort wird durchgezählt). Alle Versuche zu klären was sakrale Kunst, ja, was das Sakrale heutzutage eigentlich sein soll, führten nur zu noch größeren Fragen, etwa nach der Beschaffenheit der Post-Postmoderne oder den religionsstiftenden Qualitäten von Michael Jacksons Propofol-Überdosis. Aus der wohlmeinend mitdiskutierenden Leserschaft kamen Arzneimitteltelegramme, denen wir entnahmen, dass Propofol ein Arzneistoff aus der Gruppe der Hypnotika sei, der aufgrund seiner kurzen Plasmahalbwertszeit und trotz geringer therapeutischer Breite als gut steuerbar gilt, also sozusagen das neuzeitliche Soma darstelle, jener im Rig Veda erwähnte Rauschtrank der Götter. Das Rig Veda wiederum, so hörten wir von anderer berufener Leserseite, sei die älteste von insgesamt vier dem Hinduismus zugrundeliegender Textsammlungen und würde in der religionswissenschaftlichen Literatur jedoch oft fälschlicherweise mit der Rigvedasamhita gleichgesetzt, einer ungleich kleineren Unter-Abteilung der … . Mehr…

Hansjörg Fröhlich