
Liebe Leserinnen, liebe Leser, Freunde des tiefsten Grundes,
war ja wieder klar: Kaum verdünnisiert sich der Chefredakteur in den wohlverdienten Jahresurlaub, lassen die Hofschranzen die Netbooks fallen und suchen nach Möglichkeiten, den Arbeitspegel zu senken. Besser noch, erträumt sich das Rumpfteam beim abendlichen Schiffchenfalten, ein anderer würde die lästige Schreiberei erledigen, oder – Das wäre es doch! – gar nichts mehr schreiben, sondern das Heft kräftig bebildern. Schließlich sagt ein Bild ja bekanntlich mehr als tausend Worte und das sonnendeck ist als Kunstmagazin geradezu moralisch verpflichtet, nicht den Autoren sondern den Künstlern ein Forum zu bieten.
Nun lassen sich in der Regel vor den Redaktionsräumen keine größere Ansammlungen publikationswilliger Kreativer finden. Die wenigen Grafikmappen, die demütig an der verriegelten Tür hinterlegt werden, reichen gerade mal für eine Handvoll Schiffchen, und die paar Bildhauer vertreibt zuverlässig unser Pitbull „Hrdlicka“. Es half nichts, einer musste los, um Hilfe ersuchen im Adlerhorst der Kreativität, in der Brennkammer Stuttgarter Kunstproduktion, kurz: in der Kunstakademie auf dem Killesberg. Im Gepäck nur eine vage Idee, die alle Ismen der vergangenen Jahrhunderte hinter sich lassen und zum Grund menschlicher Erkenntnis zurückfinden sollte: die vier Elemente – Feuer, Wasser, Erde, Luft! Mehr…
Steuerbord
Liebe Leserinnen, liebe Leser, geneigte Phrasendrescher,
die endgeile Post-Punk-Combo The Fall veröffentlichte 1983 ein Album namens Perverted by Language und brachte damit schon in jenem ach so verwehten Spitzenjahrgangs-Weißweinsommer alles auf den “Funkt”: Wir sind durch Sprache zerrüttet, gemartert von bis zum Exzess wiederholten Floskeln, verblödet von Evokativen und letztlich in einem Meer von hohlen Phrasen ersoffen. Der smarten, zielführenden Kommunikation abhold, verflüchtigt sich der eigentlich angenehme Effekt einer Rede, Informationen zu übermitteln und Umstände abzubilden, in einen Orkus von Nonsens. Diese hinter hochtrabenden Formulierungen versteckten Gemeinplätze, Slogans oder Nichtigkeiten treten vermehrt dann auf, wenn es um die Beschreibung und Evaluierung von in ihrem Sinn und Wert nicht näher bestimmbaren Gütern, wie Zeichnungen von Cy Twombly und It-Bags geht.
Mehr…
Steuerbord
Sehr geehrte Leserinnen, sehr geehrte Leser, geneigtes Wachstumsbeschleunigungsgesetz,
die Nullerjahre sind endlich vorbei – wahrlich ein Grund zum Feiern. Das vermaledeite Jahrzehnt begann mit 9/11, endete mit der Finanzkrise und schleppte auf dieser Strecke eine Menge nerviges bis amüsantes Treibgut mit sich. Die meistgestellte Fragefloskel „Alles gut?“ wurde mit dem inflationären „Nicht wirklich“ beantwortet. Das passte wunderbar zur Entwicklung des Virtuellen in den letzten zehn Jahren. Büros schrumpften auf Café-Tisch mit Blackberry-Größe, Partikel in Nanogröße brachten uns das erste schweißgeruchsfreie T-Shirt und Revolten, wie zuletzt im Iran, fanden im Twitter-Nachrichtenportal statt. Beim Public Viewing wurde das Stadion auf den Marktplatz geholt, der Buchladen, die Bank, der Flohmarkt, das Standesamt und die Krankenkasse, wurden in den Arbeitsspeicher unserer Notebooks verlegt, wir simsten und googelten, chatteten und bloggten, podcasteten und skypten uns die Welt zusammen, bis sie klein und handlich auf eine, sagen wir, 500 Gigabyte-Platte passt. Die Plattformen des Lebens bekamen klangvolle Namen wie Facebook, MySpace, Flickr, YouTube, wo jeder seine 500 Giga Lebensessenz ausbreiten darf, upload or vanish – wer nicht hochlädt, löst sich in Luft auf oder ist eigentlich schon tot. Alles wurde virtuell und end-mobil, die Nullerjahre waren unser Jahrzehnt to go. Mehr…
Steuerbord

Liebe Leserinnen, liebe Leser, geneigte Meditationsgruppe,
nur selten hat es während einer Heftproduktion in der Textredaktion derart auseinandergehende Meinungen und ausufernde Ratlosigkeiten zum Titelthema gegeben, wie zur vorliegenden Ausgabe Nr. 76 (ab sofort wird durchgezählt). Alle Versuche zu klären was sakrale Kunst, ja, was das Sakrale heutzutage eigentlich sein soll, führten nur zu noch größeren Fragen, etwa nach der Beschaffenheit der Post-Postmoderne oder den religionsstiftenden Qualitäten von Michael Jacksons Propofol-Überdosis. Aus der wohlmeinend mitdiskutierenden Leserschaft kamen Arzneimitteltelegramme, denen wir entnahmen, dass Propofol ein Arzneistoff aus der Gruppe der Hypnotika sei, der aufgrund seiner kurzen Plasmahalbwertszeit und trotz geringer therapeutischer Breite als gut steuerbar gilt, also sozusagen das neuzeitliche Soma darstelle, jener im Rig Veda erwähnte Rauschtrank der Götter. Das Rig Veda wiederum, so hörten wir von anderer berufener Leserseite, sei die älteste von insgesamt vier dem Hinduismus zugrundeliegender Textsammlungen und würde in der religionswissenschaftlichen Literatur jedoch oft fälschlicherweise mit der Rigvedasamhita gleichgesetzt, einer ungleich kleineren Unter-Abteilung der … . Mehr…
Steuerbord